Sa

22

Mai

2010

Er ist wieder da

Vermisst habe ich ihn mit Sicherheit nicht: Den roten Geist Kafoutines, der nachts die Menschen mit seinem Geheul nicht schlafen laesst und manchmal selbst tagsueber alle in die Flucht treibt. - Der Kankouran war Mitte April wieder zurueck. Dieses Mal war er da um rote Tuecher an allen Mangobaeumen zu befestigen und damit klarzustellen: Von diesem Baum darf nicht gegessen werden. Saemtliche Mangobaeume Kafountines wurden somit markiert. Tatsaechlich ruehrt in dieser Zeit dann auch niemand eine Mango an, obwohl einige Fruechte bereits reif waeren. Nach Fatous Auskunft ist das Handeln des Kankourans sehr gut, weil die Kinder sonst die unreifen Fruechte essen und sich somit den Magen verderben wuerden. Ich fands ziemlich schade, die Fruechte sahen bereits sehr verlockend aus- von den verbotenen Mangos gegessen habe ich natuerlich trotzdem nicht. Weder wollte ich 15.000 CFA zahlen noch wollte ich es auf eine hautnahe Begegnung mit dem Kankouran ankommen lassen. Von Mitte April bis Anfang Mai ist der Kankouran also fast jede Nacht im Dorf gewesen und hat selbst die Mutigsten dazu veranlasst, das Haus nicht zu verlassen. Einmal hatten wir auch ziemlich viel Glueck: Dounan und Sadio waren abends bei mir und gemeinsam haben wir Tee gekocht, als zwei Maenner ploetzlich schreiend die Hauptstrasse vor unserem Haus passierten:“Kankouran mungi now, mungi now!“ (Der Kankouran, er kommt, er kommt!). So schnell sind wir schon lange nicht mehr gerannt und kaum hatten wir die Tuer hinter uns zugemacht, hoerten wir auch schon die Messerklingen auf dem Hof klirren. Zusammen haben wir dann fast eine Stunde im Haus ausgeharrt bis wir glaubten, dass es sicher genug waere um die Tuer aufzumachen, die Kochutensilien und den jetzt leider kalten Tee ins Innere zu bringen und sich Dounan und Sadio schliesslich im Laufschritt auf den Heimweg machten. Ein anderes Mal, war der Kankouran tagsueber im Dorf. Dieses Mal nicht wegen der Mangos, sondern wegen einer Taufe. – Eine Frau hatte nach langer Kinderlosigkeit ihr erstes Kind bekommen. Ich war gerade mit ein paar Schuelern auf dem Nachhauseweg von der Schule als wir am Horizont den scharlachroten Geist inmitten einiger junger, mit Holzknueppeln bewaffneter Maenner sahen. Ein paar Schueler wollten weiterradeln und den Mutigen spielen aber sie haben dann doch auf mich gehoert und zusammen haben wir die Flucht in ein Haus am Strassenrand ergriffen. Zum Glueck- als der Kankouran neben dem Haus angekommen war, hoerte wir, wie er auf jemandem einschlug und erst nach dessen flehenden Worten „Sabari, Sabari!“ (Vergebung, Vergebung!) wieder von ihm ablies.

Seit ein paar Tagen ist allerdings Ruhe: Vergangen Dienstag ist der Kankouran zum vorerst letzten Mal im Dorf gewesen. Dieses Mal hat er die Mangos freigegeben. Den ganzen Nachmittag ist er durch Kafountine gezogen und an allen Baeumen, an denen er vorbeigegangen war und das rote Tuch abgenommen hatte, bot sich Minuten spaeter das gleiche Bild: Kinder in den Baeumen, Blaetter auf dem Boden, Mangokerne auf den Strassen. An manchen Stellen, wie neben dem grossen Mangobaum auf dem Platz vor der kleinen Moschee gegenueber unserem Haus, sah es danach aus wie auf einer Kampfstaette. Zusammen mit Bébé F habe ich an diesem Tag wohl fast ein Dutzend Mangos gegessen- und von diesem Tag an wird es bis zum Ende der bald einsetzenden Regenzeit taeglich Mangos geben. Das lange Warten hat sich gelohnt!

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Di

18

Mai

2010

Ein wahrer Kraftakt: Traditioneller Tanz

Die meisten unter euch ahnen es wahrscheinlich schon: Ich hinke mit meinen Blogeinträgen mal wieder etwas hinterher. Und so kommt es auch, dass ich euch an dieser Stelle gleich von Ereignissen erzählen werde, die sich so vor ungefähr einem Monat zugetragen haben. Um die Wertung der folgenden Zeilen vorwegzunehmen: Meine Ausführungen werden von dem für mich zweifelsohne bislang beeindruckendsten Tag meines Aufenthalts handeln. Dass dieser Tag faszinierend werden würde, wusste ich bereits schon Tage zuvor- wie sehr er mich mitreißen würde konnte ich natürlich nicht ahnen. Aber dazu muss ich erst mal ein wenig weiter ausholen… Ich wohne bei der Familie Diabang, die der Ethnie der Diola angehört. Um es etwas zu präzisieren: Sie sind eigentlich Karolinki, die allerdings wiederum zu den Diola gehören. Dadurch, dass die Karolinki sehr lange auf den Inseln der Karone gelebt haben und erst durch wirtschaftliche Faktoren auf das Land, wie zum Beispiel nach Kafountine, übersiedelten, ist ihnen aber eine gewisse kulturelle Eigenständigkeit nicht abzusprechen. Karolinki sprechen Karone, das aber sehr Diola ähnelt. Die meisten Karolinki verstehen Diola, wenn sie es auch oft nicht sprechen. Die Diola wiederum sprechen Karone nicht, weder verstehen sie es in der Regel. Die Ähnlichkeiten sind aber nicht zu überhören: Auf Karone grüßt man sich mit „Kasumay?“ – „Kasumay la mar!“ und auf Diola mit „Kasumay?“- „Kasumay kep!“. Gut, die verwandtschaftlichen Beziehungen sind für einen Laien wie mich nicht immer so offensichtlich wie hier, aber sie sind zweifelsohne da. Also: In einer Karolinki Familie in Kafountine findet alle 30 Jahre ein Großereignis für die männlichen Familienmitglieder statt. Und ich habe dieses Jahr wahrscheinlich die Gelegenheit, ein wenig daran teilzunehmen. Diesen Sommer wird die ganze Familie meine Brüder zu den Inseln ihrer Vorfahren begleiten, wo sie an einer Art Initiationsritus teilnehmen werden, um in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen zu werden. Mit etwas Glück werde ich mitfahren können- das genaue Datum steht wegen den BEFM Prüfungen an der Schule noch nicht fest, aber ich hoffe doch sehr, dass ich noch nicht in Deutschland sein werde.

An besagtem Tag vor einem Monat fand das erste große Fest vor der Tradition im Sommer auf den Inseln statt. Früh morgens, noch vor Sonnenaufgang, mussten wir alle aufstehen. Meine Brüder waren zu dieser Zeit wohl schon seit Stunden wach. Wie es die Tradition verlangt, hatten sie die Nacht alle in einem Zimmer verbracht. Sehr früh morgens mussten sie sich zusammen mit ihrem Onkel Dennis zum Strand aufmachen um dort ein Bad in den eiskalten Fluten zu nehmen.

Für uns blieb keine Zeit für das Frühstück, alles musste (ausnahmsweise) schnell gehen- nur Fatou half noch bei der Zubereitung der Hirse. Dann versammelte sich schon die ganze Familie vor dem Haus des Vaters, die tam-tams begannen zu schlagen und es wurde begonnen zu tanzen. Dazu muss vielleicht noch gesagt werden, dass bereits die Nacht zuvor durchgetanzt wurde. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Aufnahme in die Gesellschaft der Männer ist hier das Erlernen eines traditionellen Tanzes. Und dieser Tanz hat es in sich, er wird nur von den Männern getanzt und ist wirklich sehr kraftraubend. Rythmisch wird dabei auf den Boden gestampft und das in einem irrsinnig schnellen Tempo, die Hände sind vogelähnlich ausgebreitet und mit Schellen wird zeitgleich im Tempo zu den tam-tams geschlagen während die Jungs in dieser Zeit auch noch fast den ganzen Hof überqueren müssen. Also alles andere als einfach zu erlernen. Deswegen war es auch ganz gut, dass die meisten den Tanz schon am Vorabend ein wenig geübt hatten, damit für den ersten großen Tag auch etwas geboten werden konnte.

Nach kurzer Zeit löste sich der Tanzkreis auf und wir formierten uns in eine Schlange um, die dorfeinwärts zog. Auf der Straße bogen wir dann in Richtung muslimischer Friedhofen ab und gingen weiter südlich in den Wald. Immer weiter ging es ins Dickicht, einen kleinen Pfad entlang, der uns zu einer großen Lichtung führte. Dort mussten wir alle die Schuhe ausziehen. Dann führten uns die alten Frauen zu einer Stelle unter einem Baum. Der Baum der verstorbenen Großmutter, wie mir Fatou erklärte. Hier wollten sie für den heutigen Tag beten und um Schutz für die Brüder bitten. Die alten Frauen wiesen uns ein: Wir mussten uns alle auf den Boden setzen, die Beine mussten komplett den Boden berühren und parallel mit der Fußspitze zu dem Baum zeigen. Die jungen Frauen wurden von den jungen Männern getrennt und die Älteren hielten sich im Hintergrund. Dann wurde jeder Einzelne von einer der Frauen mit dem Wasser aus dem Brunnen neben dem Baum gewaschen. Das Wasser war eiskalt, aber somit ist mir zumindest klar geworden, dass ich das nicht alles träumte sondern gerade wirklich einen einmaligen Einblick in eine für Europäer sehr fremde Kultur bekam.

Die Älteren unserer Gruppe haben sich später im Hintergrund noch einmal einer Waschung unterzogen. Dann wurde gebetet- Muslime und Christen gemeinsam. Die älteren Frauen haben schliesslich zwei junge Frauen aus unserer Mitte zum Baum der Grossmutter begleitet, wo die beiden um das Ende ihrer Kinderlosigkeit baten und für Kinderreichtum beteten. Nachdem jeder von uns noch einmal einen Schwall eiskalten Wassers auf den Kopf bekommen hatte, wurden süße Reiskügelchen rumgereicht. Mit einem letzten Gebet in Richtung Baum der Großmutter liessen wir schliesslich die Stelle im Wald hinter uns und wir wurden zu einem versteckten Platz noch weiter im Waldesinneren geführt. Hier war die Sitzordnung egal, es wurde kurz noch einmal gebetet, dann durften wir alle aufstehen und begaben uns schweigend, in langen Reihen hintereinander zu der Stelle wo wir unsere Schuhe liegen hatten lassen. Für die meisten unter euch waren die letzten Zeilen sicherlich etwas befremdlich- ich habe mich an diesem Morgen zunächst auch sehr fremd gefühlt. Das ist selbstverständlich- wir sind alle in einem völlig anderen Kulturkreis aufgewachsen. Aber durch die Anwesenheit der (fast) ganzen Familie Diabang habe ich dann doch Vertrauen in diese Welt gewonnen. Meinen Brüdern war die ganze Sache auch nicht ganz geheuer, was ihnen deutlich anzusehen war. Und bei dem Baum der Großmutter war es auch nicht anders als sonst wenn irgendwo auf der Welt viele junge Frauen zusammen kommen: Es wurde sehr viel geredet, getratscht und gelacht und das nur unterbrochen durch kurze Sekundenpausen- wenn uns eine der älteren Frauen mal wieder zur Ruhe ermahnte. Somit gab es also keinen Grund, sich als Kulturfremde irgendwie allein zu fühlen! Außerdem galt es an diesem Tag stark zu sein und meinen Brüdern beizustehen.



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Mi

28

Apr

2010

Nur fuer kurze Zeit: Besuch aus Bayern

Zu Beginn der Osterferien bekam ich Besuch aus Deutschland: Meine Schwester und ein Freund haben den langen Weg bis nach Westafrika auf sich genommen und eine Woche zusammen mit mir bei meiner senegalesischen Familie gelebt. Nach dem traenenreichen Wiedersehen (Anna) am Flughafen von Banjul ging es zunaechst zu Fatous Schwester Koumba, bei der wir die Nacht verbrachten. (Die senegalesisch- gambische Grenze schliesst um 7 abends.) Am naechsten Morgen hiess es sich zu beeilen, es war Ostersonntag und zugleich der 50. Jahrestag der senegalesischen Unabhaengigkeit. Und an letzterem Feiertag werden im Senegal fuer die grossen Paraden um die Mittagszeit jedes Jahr die Hauptverkehrsstrassen gesperrt. Um also rechtzeitig in Kafountine anzukommen mussten wir bereits in den fruehen Morgenstunden Serekunda hinter uns lassen.

Endlich in Kafountine angekommen wurde erstmal einander vorgestellt und das kann bei einer senegalesischen „famille élastique“ ganz schoen viel Zeit in Anspruch nehmen. Danach ging es zur Dorfmitte, wo die Parade zum Unabhaengigkeitstag stattfand. Viel haben wir dort leider nicht gesehen- es waren einfach zu viele Menschen dort. Die ganz grossen Feierlichkeiten fanden sowieso in Ziguinchor und natuerlich in Dakar statt und wurden auch den ganzen Tag live im Fernsehen uebertragen. Von Ostern haben wir an diesem Tag also nicht viel mitbekommen- den sehr leckeren Galax, den die Christen hier traditionell am Ende der Fastenzeit essen, durften die beiden dann aber schon einmal probieren. Galax ist eine fruchtige Erdnussosse, die kalt gegessen wird und einfach nur lecker ist. – Meine Freundin Germaine hatte extra fuer uns eine grosse Portion vorbereitet.

Abends ging es zusammen mit allen Jugendlichen der Familie tanzen- kein Feiertag im Senegal ohne Tanz und kein Senegalaufenthalt ohne nicht zumindest einmal zu dem beliebten Mbalax getanzt zu haben!

Nun was haben wir die folgenden Tage so gemacht? Eigentlich hatte ich ein ziemlich ausfuehrliches Programm vorbereitet… aber die beiden hat das Leben hier sehr schnell erschoepft. Und so haben sie die eine Woche im Senegal, ganz nach dem Rat meines Gastvaters, ruhig „in Angriff genommen“ und die meiste Zeit bei der Familie auf Diabangkunda verbracht. Einmal nur haben wir den Tag am Strand verbracht und ein anderes Mal eine Fahrradtour nach Kassel unternommen. Mit Fatou waren wir ausserdem auf dem Konzert von „Kermendeng“ , eine Band die in der Casamance zurzeit sehr angesagt ist.

Dadurch, dass die zwei bei uns in der Familie gewohnt haben, haben sie, trotz der kurzen Zeit wohl einen guten Einblick in das Dorfleben in der Casamance (der tropische Sueden Senegals) bekommen. Da gab es sicherlich viele Sachen, die nicht ganz einfach fuer sie waren (vor allem meine Schwester hatte Probleme mit der ein- oder anderen einheimischen Tierart) aber die senegalesische Gastfreundschaft und das gemuetliche Zusammensein in der Familie haben sicher vieles wieder wett gemacht. Vor allem war es gut, dass  sie in der Feriernzeit gekommen sind: Ich hatte Zeit und die gambische Verwandtschaft der Diabangs war zu Besuch bei uns. Und da die beiden kein Franzoesisch sprechen hatten sie schon mal ausreichend Gespraechspartner und ich musste nicht allzu oft als Dolmtescherin herhalten.

In der kurzen Zeit haben sie außerdem eine Idee vom Lebensgefühl mitbekommen und das ein oder andere Glas Ataija durfte natürlich auch nicht fehlen. Senegal ist sicher DAS „Land der offenen Tür“, was die beiden jetzt sicher auch verstanden haben. Man verschließt hier keine Türen, wenn man im Zimmer ist. Es wäre sowieso unklug, weil jede Minute jemand vorbeischaut. Egal ob es die Kinder zum Rumalbern oder die Jungs mit einem Glas Ataija sind oder ich die zum Essen ruft. Im Land der offenen Tür ist man nie allein. Nicht umsonst ist der Senegal auch das Land der „teranga“. Wenn man über die Senegalesen spricht, darf dieses Wort nicht fehlen. Darunter ist vor allem Gastfreundschaft gegenüber Fremden zu verstehen. Hier kann man als Fremder locker in einer fremden Gegend ohne Freunde und Verwandtschaft leben, denn die Ortsansässigen stellen sicher Unterkunft und Essen bereit. Philosophie dahinter: Jeder kann sich einmal in einer solchen Lage befinden und dann möchte man schließlich auch, dass das Gleiche für einem selber getan wird. Und so ist es in der Regel auch immer!

 

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Do

15

Apr

2010

Schule kann so schön sein

Mit der Herausgabe der Zwischenzeugnisse näherte sich also auch das erste Schulhalbjahr an der CEM dem Ende zu. Zu diesem Zeitpunkt wird jedes Jahr "le jour de FOSCO" gefeiert. FOSCO ist ein Zusammenschluss von engagierten Schülern, der vielleicht am Besten mit der SMV an deutschen Schulen zu vergleichen ist. Der Präsident des FOSCO wurde Tage zuvor bereits demokratisch von den "responsables" der verschiedenen Klassen (vgl. deutsche Klassensprecher) gewählt und an diesem Tag also feierlich in sein Amt eingeführt. Der Präsident heisst dieses Jahr übrigens Ibrahima und ist Schüler der 1er, was ungefähr der 12. Klasse Gymnasium entspricht. (Im Vorjahr gab es übrigens eine Präsidentin- nur um allen möglichen Vorurteilen bereits zuvorzukommen.)

"Le jour de FOSCO" ist eigentlich ein großes, dreitägiges Fest- hauptsächlich von Schülern organisiert- für die ganze Schule aber auch für die gesamte Bevölkerung Kafountines, Dianas, Abénés, Kassels und Albadars. Drei Tage lang gab es Tanz- und Musikauftritte, Fußballspiele, Rap-Wettbewerbe, Theateraufführungen und noch viel mehr. Außerdem wurden die Klassenbesten des ersten Halbjahres mit Preisen geehrt, die verschiedenen Klubs der Schule vorgestellt und überhaupt die ganze CEM der Öffentlichkeit präsentiert.

Der Deutschklub hat sich aus dem ganzen Spaß natürlich auch nicht rausgehalten und gleich bei zwei Theaterstücken mitgemischt. Das erste Stück war eine lustige und gelungene Parodie auf eine Geschichte, die zurzeit im ganzen Senegal kursiert. Angeblich gibt es rund um Dakar alte Männer, die mit Hilfe von Amuletten und gris-gris beim Händeschütteln anderen Menschen das Geschlecht stehlen. Die Idee zu der Umsetzung kam übrigens von einem kleinen, begabten Schreiberling der 4ième - Gesprächsstoff und Angriffe auf die Lachmuskeln waren also vorprogrammiert. Die Aufführung fand schließlich auf Deutsch, Wolof und Französisch statt und kommt als Fotostory auch in die zweite Ausgabe der neu gestarteten Schülerzeitung.

Das andere Theaterstück wurde in Zusammenarbeit mit dem Französischklub geplant und durchgeführt und handelt des Weiteren von einem ungleich ernsteren und wichtigerem Thema. In diesem "pièce de theatre" wurde der verschwenderische Lebensstil von senegalesischen Frauen und die fehlende Bereitschaft zum Sparen in der Gesellschaft thematisiert. Ich gebe euch mal einen kurzen Überblick zu der Geschichte. Vier Frauen aus Kafountine wollen gemeinsam eine Feier zum Geburtstag ihrer "association" organisieren. In der ersten Szene wird fleißig geplant: Neue Kleider müssen gekauft werden, das beste Hotel der Gegend soll gemietet werden, ausgezeichnetes Essen bestellt, die bekanntesten Musiker Senegals zur Unterhaltung eingeladen werden und am Besten sollten nach Möglichkeit weibliche Berühmtheiten aus der ganzen Welt (Vivian Wade, Michelle Obama, Angela Merkel) mit von der Partie sein. In der zweiten Szene wird die prekäre Lage der senegalesischen Jugend gezeigt: Sie gehen auf die Schule und arbeiten hart um sich später den Traum von der Uni (am Besten im Ausland, weg von Afrika) und einem hoffentlich besseren Leben erfüllen zu können. Doch das Geld ist sowieso knapp und das wenige was übrig bleibt wird in der Regel von ihren Müttern verschwendet. Als die Jugendlichen von der geplanten Geburtstagsfeier erfahren werden sie wütend.

In der dritten Szene haben die Alten ihren Auftritt, die viel für ihre Kinder getan haben sich jetzt aber vor allem von ihren Töchtern im Stich gelassen fühlen. Die letzte Szene führt alle Parteien zusammen: Es ist der Tag der großen Geburtstagsfeier, die geladenen Frauen aus dem Ausland treffen ein und die Party ist in vollem Gange. Dann kommt es zum großen Eklat: Die Feier wird von den Jungen und Alten gestürmt, es wird sich gegenseitig Vorwürfe gemacht, Michelle Obama& Co kommen zur Hilfe und die Mütter lenken letztendlich ein. Alles in allem also Gesellschaftskritik mit Happy End. Die Idee und Initiative zum Stück kam von dem Deutschlehrer und dem Französischlehrer aber die Schüler haben alles nach ihren eigenen Vorstellungen nachbearbeitet. "Manger l'argent" (Geld essen) gibt es hier nicht selten. Viel Geld gibt es nicht, deswegen kann man meiner Meinung auch nicht wirklich von Verschwendung (zumindest mit dem europäischen Lebensstil verglichen) sprechen. Vielmehr wird eben einfach nicht gespart. Die große Mehrheit der Senegalesen bekommt eben nicht monatlich etwas aufs Konto überwiesen sondern nimmt täglich ein paar FCFA ein. Das wird dann eben im Laufe von 24 Stunden ausgegeben. Sofortiges Investieren statt langes Deponieren. Auf viele wirken eben so Sachen wie Bank, Konto etc. aus fehlenden Kenntnissen suspekt (die meisten von euch erinneren sich an dieser Stelle bitte an das Misstrauen nach der Bankenkrise- oder an die Oma mit dem Sparstrumpf). Aber der europäische Weg ist eben für Afrika meistens eine Sackgasse. "Gaspillage des femmes" ist im Senegal ein Problem, ja. Aber viele haben dafür auch schon eine kleine, afrikanische Lösung gefunden: Sparzirkel. Frauen schließen sich zusammen und jede Woche wird von jeder Frau eine festgelegte Summe in die Kasse eingezahlt. In regelmäßigen Abständen wird dann das ganze Geld an eine Frau ausgezahlt. Somit bekommt jede Frau mindestens einmal die Möglichkeit größere Investitionen zu tätigen. Ohne Zinsen versteht sich- Ein Josef Ackermann würde angesichts solcher Praktiken wahrscheinlich zweifelnd die rechte Augenbraue hochziehen. Aber hier im Senegal funktionieren diese Zirkel gut, weil sich auch jede der Frauen auf die anderen verlassen kann. Alle sitzen im gleichen Boot. Baobabs wachsen nun einmal nicht in Europa und Skilanglauf wird sich in Westafrika nie als Sportart durchsetzen. – Beide Dinge sind zwar theoretisch möglich aber (zumindest unter den gegebenen Umständen) unvernünftig.

Eines wollte ich noch loswerden: Senegalesisches Theater ist richtig klasse. Spritzig, lustig, leicht aber mit Tiefsinn kommt es daher, manchmal etwas derb und immer mit großem Unterhaltungswert. Mich hat es manchmal ein wenig an bayerisches Volkstheater erinnert. Hat nicht irgendjemand auch mal gesagt, dass die Bayern in Deutschland vom Gemüt her wohl den Afrikanern am Ähnlichsten sind? Irgendwo habe ich das zumindest mal aufgeschnappt…

Am letzten Tag des dreitägigen Schulfests hat der FOSCO dann abends noch in die Disco eingeladen. Das Eintrittsgeld kommt dann allein einem schulischen Zweck zu Gute. Die Nacht kann wirklich ziemlich lang werden, wenn die ganze Schule feiert. Aber am nächsten Morgen sind einige Schüler und eine Lehrkraft (ich bin leider die Einzige geblieben) sehr früh aufgestanden und haben das ganze Schulgelände wieder für den täglichen Betrieb fit gemacht. Die Hütten wurden umgebaut, Tische und Stühle aufgeräumt, Abfall beseitigt, gekehrt und sich am Ende erleichtert auf die Schultern geklopft. Dieser Part hat mir zweifelsohne mit am Besten gefallen. Okay es war sehr anstrengend, ich hatte danach viele blaue Flecken (beim Umbau einer Hütte kommt schon mal da sein oder andere Holzteil auf dich zugeflogen) aber bei den Schülern habe ich seitdem den sprichwörtlichen Stein im Brett. Kommentar eines Schülers: "Frau Verena, sie sind wirklich eine Frau, die so hart wie ein Mann arbeiten kann". Aus feministischer Perspektive wäre dieser Satz überflüssig, weil das doch theoretisch jede Frau kann. Hmm, Lane? Aber ich habs einfach mal mit einem Lächeln als Kompliment genommen.

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Mi

31

Mär

2010

Im Herzen der Casamance- Ziguinchor

Ein halbes Jahr fast nur Kafountine- wer mich kennt der weiβ, dass ich danach etwas Luftveränderung brauche. Deswegen habe ich mir von der Schule freigenommen und bin übers Wochenende mit Fatou, Koumba und Bébé F für ein paar Tage nach Ziguinchor gefahren. Mit einem Taxi (was hier so viel heiβt wie ein Auto “7 places” - und jeder Platz ist auch wirklich besetzt- mit dem erst losgefahren wird, wenn der ganze Wagen voll ist) ging es auf in Richtung Süden. Durch kleine Dörfer, über lange Brücken (die vielen Ausläufer des Casamance-Flusses können ganz schön breit werden) vorbei an immergrünem Baumbestand, sumpfigen Mangrovenwäldern und abgeernteten Reisfeldern führten uns die Straβen in die südlichst gelegene Metropole Senegals. Wenn man als Reisender Ziguinchor erreicht, dann droht man zuerst sprichwörtlich von der dort vorherrschenden Hitze erschlagen zu werden. In der Stadt kann es wirklich auβerordentlich heiβ werden - Ziguinchor grenzt an den guineischen Feuchtwald - was leider durch die täglich ausschwärmenden Moskitos noch einmal bewiesen wird. Untergebracht wurden wir bei Fatous Tante, die  in einem kleinen Viertel nicht weit entfernt von der hektischen Gare routire wohnt. Senegalesische Gastfreundlichkeit lässt deutsche Gastlichkeit manchmal übrigens ziemlich blass aussehen- Fatous Tante hat uns Vieren gleich ihr ganzes Schlafzimmer mit Ventilator (Jerejf!) überlassen. Wer jetzt übrigens denkt, dass wir uns die Tage in Ziguinchor zurückgelehnt haben und ganz lässig das bunte Treiben um uns beobachtet hätten der täuscht sich natürlich- wir haben kräftig mitgemischt! Nicht zuletzt hatte auch eine Cousine Fatous kürzlich entbunden und wir haben täglich vorbeigeschaut um den kleinen Booba zu besuchen. Aber ich erzähle euch erst noch einmal ein wenig mehr über die Stadt... Ziguinchor heiβt in der Sprache der Diola so viel wie “Ort, an dem du weinen wirst”, was eine Anspielung auf den einstmals florienden Sklavenhandel ist, der vom Hafen der Stadt aus seinen unheilvollen Anfang nahm. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt eher ländlich: Überall streunen viele Schweine (in Ziguinchor gibt es sehr viele Christen) und Hühner herum, die staubigen Straβen sind teilweise sehr ruhig und es gibt noch sehr viele Bäume, in denen man manchmal sogar tropische Vögel herumflattern sieht. In Ziguinchor geht alles etwas lockerer und entspannter zu- wenn man sich nicht gerade auf der Gare routière oder auf den bunten Märkten im Stadtkern befindet. Vor allem in der Mittagszeit, wenn die ganze Stadt in eine bis zum Abend andauernde Siesta versinkt. Die teilweise wirklich unerträgliche Hitze verlangt es eben, dass man manchmal einen Gang herunterschaltet. Ich habe mich aber trotzdem auf Anhieb in der Stadt wohlgefühlt. Warum? Die Gastfreundlichkeit, die lockere Atmosphäre, das geordnete Chaos (das man so schön vielleicht nur hier findet) all das summiert sich in Ziguinchor zu einer Metropole zusammen, in die hautnah eingetaucht werden muss um die Faszination zu erleben. Ich zeige euch am Besten einfach mal ein paar Fotos...

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Fr

12

Mär

2010

Der grüne Gipfel: Im Namen der Umwelt

“Feucht-grüne Idylle: Hochgewachsene Palmenwälder, mächtige Affenbrotbäume, grellrot blühende Flamboyants, wohlriechender Eukalypts, dichte Mangrovenwälder und selbst vereinzelt Reste des tropischen Regenwaldes schmeicheln den Augen” so schön könnte man die Szenerie in der Casamance für romantisch-gesinnte Touristen beschreiben.

“Buntes Durcheinander: Von Abfallresten gesäumte Straßen und hochgewachsene Müllberge, mächtige Rauchwolken über verbrannten Plastikresten und selbst Reste der letzten Taxigeneration Kafountines bekommt man hier zur Gesicht” so schonungslos beschreibe ich jetzt mal die andere Realität im dicht besiedelten Kafountine. Zwei sehr unterschiedliche Bilder, die ich da beschrieben habe. Hier findet man Beides.

Es folgt an dieser Stelle also eine kleine Erläuterung zu Risiken und Nebenwirkungen des Einzugs westlicher Lebensumstände im Senegal. Man gehe in Kafountine zum Beispiel zu den Obst- und Gemüseständen. Man kaufe ein paar Maniok-Wurzeln, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Kartoffeln. Anschließend kaufe man Gewürze, Öl, Essig, Reis und Fisch. Resultat: Fast alle Zutaten, die man für ein leckeres, senegalesiches Gericht braucht. Und: Mindestens 10 Plastiktüten- das kann ich, denke ich, leider zurecht deutsche Verhältniss nennen. Warum das so ist? Hier wird so gut wie nie auf Vorrat gekauft. Jede Hausfrau geht also mindestens einmal pro Tag auf den Markt. Öl, Essig und Senf: Solche Zutaten werden - in kleinen Plastiktüten abgefüllt – für den Bedarf eines Tages oder sogar nur eines Gerichts gekauft. Oft fehlt das Geld größere Mengen auf Vorrat zu kaufen und irgendwann gewöhnt man sich wahrscheinlich auch daran. – Unterschiedliche Gewohnheiten resultieren in der Regel aus unterschiedlichen Lebensumständen. Soweit alles selbstverständlich- und genauso selbstverständlich produziert dieses Kaufverhalten ziemlich viel Abfall.

Natürlich muss man sagen, dass ein durchschnittlicher senegalesischer Haushalt viel weniger Abfall produziert als das sein deutsches Pendant tut. Wohlgemerkt: In einem senegalesischen Haushalt leben manchmal zwei- oder dreimal (wenn nicht sogar teilweise viermal) so viele Menschen wie in einem deutschen Haus. In Deutschland wird (oder sollte zumindest) der Müll gesammelt, recycelt oder auf möglichst umweltschonende Weise verbrannt. Hier wird ein kleiner Müllberg (oder viel mehr ein Müllfeld) neben dem Haus angelegt und wenn dieser mal wieder zu groß erscheint wird er in Brand gesetzt. In der Schule wird das übrigens ganz ähnlich bewerkstelligt. Jeder versucht eben das Beste aus der Situation zu machen. Im fernen Europa bekommen wir von unserem verschwenderischen Lebensstil nur selten etwas mit- hier wird man jedes Mal vor der Haustür daran erinnert. Besonders schön oder gesund ist das nicht, vor allem wenn man morgens in die Schule radelt und einem vom beißenden Gestanks verbrannten Plastiks ganz schlecht wird. Aber was sollen die Menschen hier auch anderes machen? Es sind Europäer und Chinesen, die das Zeug nach Afrika exportieren. Etwas wieder mitnehmen oder eine Lösung anbieten (wir hätten schließlich das entsprechende know-how) tut aber in der Regel niemand.

Wegen dem Müllproblem (bzw der Umweltproblematik insgesamt) hat aber auch hier bereits ein Umdenken eingestzt. Einige Menschen sammeln hier zum Beispiel die Plastiktüten und verwenden sie wieder. Mein Gastvater besteht des Weiteren auf die Verwendung von Energiesparlampen (wobei deren Effizienz natürlich umstritten ist und die darin verwendeten Materialien viel umweltgefährdender sind als die in der Glühbirne- aber das wissen die wenigsten bei uns) und ich sag jetzt mal, so abgedroschen es klingen mag: Der Wille zählt!

Außerdem gibt es auch eine französisch-senegalesische Kooperation, die Batterie-Sammelstellen eingerichtet hat. Die angehäuften Batterien werden dann nach Frankreich mitgenommen und dort entsprechend entsorgt. Und: Plastikflaschen sind hier heiß begehrt. Sie werden immer wiederverwendet: Die Frauen reinigen die Flaschen von Hand und füllen die leckeren Bissap- und Baobabsäfte darin ab um sie anschließend zu verkaufen.

Weitere umweltfreundliche Seite Senegals: Sammeltaxis. Hier fährt ein Auto oder ein Bus in der Regel nicht weg bevor nicht auch der letzte Zentimeter Sitzplatz besetzt ist. Das geschieht zwar aus Kostengründen... gut ist es natürlich trotzdem. Dass die Taxis meistens alte, entsorgte Autos aus Europa sind (60er, 70er, 80er Jahre- alles schon gesehen) und dementsprechend keinesfalls die neuesten Normen für die CO2-Grenzwerte der EU erfüllen versteht sich von selbst. Und ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne: Aber was sollen die Menschen hier auch anderes machen?

Da gibt es schließlich reiche Länder, zB nördlich des Senegals gelegen, die sich immer beklagen, dass Umweltfreundlichkeit so teuer ist. Gleichzeitig verlangt man von sog. Schwellen- und Entwicklungsländern ein „Umdenken“. Da gibt es so einen netten Spruch, den Eltern immer ihren Kindern erzählen: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“. Na, klingelts? Aber ich wollte hier eigentlich nicht politisch werden und somit die meisten unter euch langweilen. Ich wollte nur etwas von kleinen, senegalesischen Bergen und großen, europäischen Alpen erzählen. In diesem Sinne: Berg, heil! Bis zum nächsten (Klima bzw Umwelt) Gipfel!

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Do

04

Mär

2010

Kafountines Karneval und lokale Delikatessen

Vergangenen Freitag ist der örtliche Karneval, das zweite große Musikfestival hier in der Gegend, zu Ende gegangen. Begonnen hat das Festival eine Woche zuvor mit einem großen Umzug durch das ganze Dorf. Wie auch schon in Abéné sind viele Touristen nur wegen dem Festival nach Kafountine gekommen. Man sollte die Bedeutung von solchen Veranstaltungen für die örtliche Wirtschaft also auf keinen Fall unterschätzen. Der Karneval hat mir übrigens viel besser gefallen als das Festival in Abéné. Er war größer, die Atmosphäre war besser und auch das Dargebotene war noch mitreißender. Nur schade, dass das Ganze nicht wie in Abéné während der Ferien, sondern in der Schulzeit stattgefunden hat. Ich bin aber trotzdem mit Fatou oder meinen Brüdern fast jeden Abend dort gewesen- geschlafen wurde dann eben am späten Nachmittag nach der Schule. „Ku bëgga akkara nẽme kaani!“ Was auf dem Festival alles so geboten wurde? Erzähl ich euch in Bildern…

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Di

02

Mär

2010

Von Affenfleisch und festgenagelten Schuhen

Vor zwei Wochen gab es einmal wieder einen Anlass zu feiern. Kafountines Kirche, St. Marie de la Joie, lud zu so einer Art Pfarrfest ein. Nach der Sonntagsmesse versammelten sich alle im Garten des Pfarrhauses, wo fleißige Gemeindemitglieder schon seit Stunden dabei waren für alle zu kochen. Aufgetischt wurde unter anderem (klar es  sind ja Christen) Schweinefleisch aber auch -für Europäer sicher gewöhnungsbedürftig- Affenfleisch. Von Bruno habe ich mir zuvor sagen lassen, dass letzteres normalerweise immer zuerst vergriffen ist- ich hab mir also beim Anstellen ganz viel Zeit genommen. Und, so ein Pech aber auch, von besagtem Affenfleisch war nichts mehr übrig und ich kam doch nicht mehr in den Genuss es zu probieren. Ansonsten wurde an diesem Tag wieder viel getanzt und auch gelacht - was bei manchen wohl auch am Palmwein und nicht nur an der zweifelsohne amüsanten Gesellschaft gelegen haben mag. Gestattet mir an dieser Stelle noch ein Wort zum Palmwein: Hier wird der Palmwein zumeist aus der Ölpalme gewonnen. Unmittelbar nach der Entnahme des Safts setzt bereits die Gärung ein und umso länger man wartet, umso stärker ist der Wein später. Mir schmeckt er nur wenn er wirklich ganz Frisch von der Palme kommt und noch sehr viel Süße hat- ansonsten ist er für mich echt zu stark.

Zeitnah zum Pfarrfest gab auch der Chor ein großes Konzert in der Kirche. Konzerte in der Casamance darf man sich jedoch nicht wie Konzerte in Deutschland vorstellen. Klar- es gibt einen Künstler und ein Publikum. Während in Deutschland die Rollen jedoch klar verteilt sind (sprich: der Künstler macht die Musik und das Publikum hört zu, spendet gegebenenfalls Beifall und bleibt aber immerzu nahezu regungslos auf dem Stuhl sitzen), wird hier gerne mit den Rollen gespielt. Das sieht dann in der Regel so aus: Die Zuhörer werden selbst zum Akteur, sie kommen nach vorne, auf die Bühne, tanzen, klatschen zur Musik, singen jedes Lied voller Inbrunst mit oder übernehmen kurzerhand den Platz des Chorleiters und dirigieren selbst die Sänger- jeder natürlich nach ganz individueller Façon. Aber ich kann das jetzt noch so ausführlich schildern… das muss man einfach selbst erlebt haben, die Atmosphäre gespürt haben, um es zu verstehen… also kommt doch einfach mal ganz spontan bei mir vorbei ;-)

Hab’ ich euch eigentlich schon mal von dem leckeren Bissap erzählt? –Natürlich, da gibt es diesen roten, fruchtigen Saft (der aus den Bissap Blüten gemacht wird) aber man kann diese Pflanze auch noch ganz anders zubereiten. Die Diola essen Bissap hier sehr gerne zu Reis und Fisch- die Zubereitung und Konsistenz erinnert dabei ein wenig an Spinat- ist aber noch leckerer. Zusammen mit Bébé F bin ich immer die Erste, die ihren Bissap aufgegessen hat. Eine Zeit lang war deswegen die Frage aktuell, ob Bébé und ich nicht im Garten ein riesiges Bissap Beet anlegen sollten. Fatou ist dann aber doch zu dem Schluß gekommen, dass er bei uns nicht wachsen würde- aus Scheu, weil wir einfach "zum Fressen gern" haben. Also haben wir die Sache mit dem Bissap Anbau vorerst wieder fallen gelassen.

Obwohl… wenn hier ein Baum zum Beispiel einfach nicht wachsen will dann wird gewöhnlich ein Schuh an den Baum genagelt. Also wenn ihr demnächst mal vorbeikommt dürft ihr euch nicht über alte, an den Baum genagelte FlipFlops wundern- wohl aber über die vielen Früchte, die (umso verwitterter der Schuh, umso mehr) Früchte der Baum dann trägt. Mit dem Bissap (die Pflanze ähnelt dem Mangold bei uns) dürfte das aber ein wenig schwer werden. – Also wieder eine Idee über Board geworfen. Wer sich jetzt über westafrikanische Methoden wundert, dem sei an dieser Stelle gesagt, dass eine Vielzahl von Deutschen mit ihren Pflanzen spricht (in der Hoffnung, dass sie besser wachsen). Die deutsche Methode (immerhin ohne Chemie, weil kein Schuh) habe ich übrigens auch hier weitererzählt. "Im Senegal ein Fall für den Nagel, in Deutschland ein Fall für den Psychiater". (Dieser bitterböse Kommentar stammt übrigens nicht unbedingt von mir) ;-)

Was mich im Februar so richtig gewundert hat? Im Senegal wird der Valentinstag gefeiert- und wie! Jeder, der nicht wie ich allein ist (okay, als wäre man im Senegal jemals allein- nie!) macht sich Gedanken welche Karte (meist mit schönem Bild und Gedicht) er wann und wie schenkt. Mich hat das irgendwie sehr gewundert. "Warum nicht? Hier gibt es schließlich auch viele Verliebte!" war Dounans nüchterner Kommentar zu meinem verwunderten Gesicht. Ja, da hat er Recht. Wieder ein wenig weniger dumm ;-)

An der Schule gab es übrigens auch etwas zu feiern. Ein (von Holländern) gespendetes Gebäude mit Toiletten und ein modernes Kopiergerät (gespendet vom deutschen Verein Partnerschaft CR Kafountine) wurden feierlich an die CEM übergeben. Die Schulleitung hatte aus Dankbarkeit gegenüber den Spendern dazu eine kleine Feier organisiert. Die Schüler haben musiziert, getanzt und es wurde auch eine kleine Theatereinlage gebracht- und die Schüler der CEM haben schon so einiges drauf- es war also alles andere als langweilig. Vor allem das Kopiergerät freut mich, das macht einige Sachen viel unkomplizierter. An dieser Stelle also auch von meiner Seite ein Wort des Dankes- Jérejef!

Gestern ist mir übrigens erst so richtig bewusst geworden, dass die Hälfte meiner Zeit in Kafountine leider schon vorbei ist. Höchste Zeit also ein kleines Resümee zu ziehen. Aber das muss bis zum nächsten Mal an dieser Stelle warten. Sonnige Grüße!

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Mo

08

Feb

2010

Die Kunst ohne Verletzungen ins Schwarze zu treffen

Mitte Januar ist Anne fϋr einige Tage in den Senegal gekommen. (Anne ist die junge Frau, die vor mir an der CEM einen Freiwilligendienst absolviert hat. Außerdem war sie auch in der gleichen Gastfamilie wie ich jetzt bin.) Die Semesterferien hat sie also dazu genutzt ihre "zweite Heimat" Senegal, die Familie Diabang und ihre Freunde hier zu besuchen.

Ich hatte Anne zuvor schon in Deutschland kennengelernt: Mit ihren Erfahrungen, von denen sie mir berichtet hat und den Ratschlägen, die sie mir mit auf den Weg gegeben hat war sie so etwas wie eine Tutorin fϋr mich. Vor allem in der ersten Eingewöhnungszeit hat mir das sehr geholfen.

Dass sie jetzt während meiner Zeit noch einmal nach Kafountine zurϋckgekommen ist, war natϋrlich bachabachabach (Wolof: sehr gut). Somit konnten wir uns ϋber gemeinsame Erfahrungen austauschen, Probleme (die es gab oder vielleicht noch geben wird) bereden und uns Beide einfach mal so richtig ausquatschen (wobei: um das "aus" vor "quatschen" zu rechtfertigen hätte es noch einige Tage mehr gebraucht :-))

So hat mir Anne auch einige Denkanstöße gegeben: Manche Mentalitätsunterschiede kann ich jetzt leichter verstehen. Oder: Manche Unterschiede hatte ich bisher unbewusst bzw auch noch ϋberhaupt nicht wahrgenommen.

Viele Senegalesen gehen zum Beispiel sehr bedacht und feinfϋhlig mit der "Waffe" Sprache um. Viele sind ein "Meister des Subtilen"- sprich jedes Wort ist genau platziert, Aussagen wirken oft blass, banal und unscheinabr- ihrer wahren, entwaffnenden Bedeutung wird man sich erst bei genauerem Nachdenken bewusst. Versteht man diese aber erst einmal, dann trifft sie fast immer "genau ins Schwarze".

Beispiel gefällig? Folgende (banale) Situation: Man hat (wie die meisten jungen Menschen) etwas unreine Haut. Hier wϋrde man von seinem senegalesischen Gegenϋber (ganz zufällig) und absolut kontextlos zu hören bekommen: "Weißt du, die senegalesischen Frauen benutzen fϋr die Pflege ihrer Haut im Gesicht oft Kokosmilch". Okay, interessante Information- denkt man sich zunächst- erst später versteht man, dass das als Ratschlag gemeint war. Die deutsche hart-und-direkt-Methode: "Du hast Pickel. Ich an deiner Stelle wϋrde es mit Kokosmilch versuchen."

Viele Senegalesen sind jedoch nicht nur gut geschult in der Kunst des Subtilen, viele haben wie es scheint spezielle "Antennen" fϋr Andeutungen und sprachliche Versteckspiele. Viele Aussagen und Gesten werden von den Menschen hier ganz anders interpretier, als das etwa in Deutschland der Fall wäre.

  • Man fächelt sich mit der Hand Luft zu- das wird sofort als Aufforderung verstanden, den Ventilator anzuschalten.
  • Man sagt, dass die geschenkten Frϋchte sehr gut waren und bedankt sich höflich- das nächste Mal bekommt man in der Regel die doppelte Menge geschenkt.
  • Und ϋberhaupt im Allgemeinen: Wenn es einem gerade nicht so gut geht, merkt das der feinfϋhlige Mitmensch hier sofort- gute Laune vortäuschen funktioniert hier nicht so wirklich.

Selbstverständlich sind nicht alle Senegalesen sprachlich so subtil unterwegs- einige beherrschen auch die deutsche Haudrauf-Methode recht gut aber es gibt hier doch angenehm viele Menschen die Sprache auch als Waffe verstehen und umsichtig damit umgehen. Meister des Subtilen in der Familie Diabang: Mein großer Bruder Dounan.

Warum das alles so ist? Wenn es einen Grund dafϋr gibt, könnte ich mir Folgendes vorstellen: Respekt ist im Senegal im Umgang mit Menschen das Wichtigste ϋberhaupt. Man kann viele Senegalesen sehr schnell ungewollt und unbewusst auf vielfältige Art und Weise beleidigen- aus Höflichkeit werden sie es einem wahrscheinlich nicht sagen- aber das macht die Sache auch nicht besser. Des gegenseitigen Respekts wegen spricht man auch nicht schlecht ϋber andere- das soll nicht heißen, dass Senegalesen die netteren Menschen sind. Aber sie gehen im Allgemeinen freundlicher und umsichtiger miteinander um. Menschen, die viel und oft Schlechtes ϋber Andere reden, wird mit Verständnislosigkeit begegnet. Viele Menschen hier glauben an Folgendes: "Was du an anderen kritisierst oder was du anderen Menschen Schlechtes zufϋgst, wird irgendwann auch deinen eigenen Kindern zustoßen". Sprich es gibt hier den Glauben an eine verspätete Gerechtigkeit. In Deutschland gibt es ja auch dieses Sprichwort: "Was du nicht willst, was man dir tut das fϋg’ auch keinem anderen zu". Ich finde damit kann man das recht schön vergleichen, wenn die senegalesische Variante wohlgemerkt noch etwas weiter geht.

Über solche und andere Dinge haben Anne und ich uns also zum Beispiel unterhalten. Anfang Februar hat die Uni  begonnen und seitdem ist sie leider auch wieder zurϋck in Deutschland- und vermisst den Senegal wahrscheinlich sehr.

Also... das war’s erst mal wieder von meinen Ausfϋhrungen zur deutsch-senegalesischen Völkerverständigung.

"A la prochaine!"- wie mein kleiner Bruder Souley immer so gerne sagt!

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Do

04

Feb

2010

Der große Auftritt des noch größeren Marabouts

Kurz nach Jahresbeginn folgte mein (bisher) persönlicher Höhepunkt des gerade begonnen Jahres: Souleys Auftritt als Marabout. Eigentlich begann alles ganz harmlos... Für den späten Nachmittag war ein großer "lutte africaine" in Kafountine angekündigt- ein Freund der Familie sollte auch kämpfen, da stand es natürlich außer Frage, dass ich zusammen mit der Familie dem Kämpfer beistehen würde. Noch dazu waren sowieso Ferien. Bunt beflaggt und in Schale geworfen machte ich mich mit Aishas Mutter Binta und Fat. Kanté auf den Weg in Richtung Kampfstätte. Auf dem Weg dorthin wurde unsere Gruppe immer größer und bald gesellte sich auch Fatous Halbbruder Souley hinzu, der jedoch an besagtem Tag nicht als "Souleymane" sondern als großer Marabout unterwegs war. Jetzt fragen sich die meisten unter euch sicherlich was ein Marabout überhaupt ist. Um das zu erklären muss ich jedoch etwas ausholen. Zunächst einmal muss man sagen, dass sich der Islam in Westafrika unter dem Einfluss afrikanischer Traditionen anders entwickelt hat. Er ist in der Regel von Toleranz, Gewaltlosigkeit und problemlosen Umgang der Reigionen miteinander geprägt. Zumindest erlebe ich das im Senegal jeden Tag. Traditionelle afrikanische Religionen haben ihre Spuren hinterlassen, irgendwo habe ich zum Beispiel flogendes Bonmot gelesen: „ Im Senegal besteht die Bevölkerung aus 95 Prozent Muslimen, 5 Prozent Christen und 100 Prozent Animisten.“ Einerseits ist der Islam fest im Alltag integriert: Fünfmal am Tag ruft der Muezzin zum Gebet, der Besuch der Moschee zum großen Freitagsgebet ist für die meisten selbstverständlich und die Pilgerfahrt nach Mekka gehört zur Lebensplanung- auch wenn es die große Mehrheit wahrscheinlich nicht realisieren können wird. Andererseits gehören Glücksbringer und Amulette und gewisse animistische Rituale genau so selbstverständlich zum Alltag von vielen Muslimen (wie auch von den Christen). Bei den traditionellen afrikanischen Ringkämpfen ( lutte africaine) nehmen Tänze und Beschwörungen, die den Kämpfern Kraft verleihen sollen, einen wichtigen Platz ein. Großen Einfluss nehmen im Senegal die muslimischen Bruderschaften und ihre Führer- die Marabouts. Fast jeder Senegalese gehört einer Bruderschaft an- manche wenige, wie meine Schwester Fatou, halten das aber auch für Unsinn. Die größten sind die Bruderschaft der Mouriden (der Vater und Souley sind z.B Mouriden- weswegen sie zurzeit auch an der Walfahrt nach Touba teilnehmen) und die der Tidjianen. Die Marabouts erteilen Lebensregeln, interpretieren den Koran, unterhalten Koranschulen, bieten sich an, für die Gläubigen zu beten, weihen aber auch Amulette und Glücksbringer und üben teilweise traditionelle Riten und Heilkunde aus. Von vielen ihrer Anhänger werden sie als heilige Männer verehrt. Oft bewegt sich ihre Tätigkeit im Grenzbereich zwischen traditionellen afrikanischen Religionen und Islam. Gleichzeitig verfügen zumindest die großen Marabouts über eine große wirtschaftliche Macht, da sie und ihre Anhänger mit großem Erfolg in vielen Wirtschaftszweigen aktiv sind. Es ist das Netzwerk der Beziehungen, das gesellschaftliche und moralische Ansehen der Bruderschaften, das sie zu einem wichtigen Faktor in der senegalesischen Politik macht und über das sie Einfluss auf die Politik nehmen. Diese starke Rolle der muslimischen Bruderschaften in Senegal ist in Westafrika einzigartig. So wichtig die Marabouts in der Gesellschaft Senegals auch sind: Religion wird hier als Privatsache empfunden, in die sich der Staat nicht einzumischen hat. Als zum Beispiel vor kurzem der senegalesische Präsident Wade sich kritisch gegenüber den Christen im Land äußerte (der erste Präsident Senegals war wohlgemerkt ein Christ), hagelte es von allen Seiten einstimmig Proteste. Und das finden auch alle gut so. Aber lasst mich wieder zurück zu meinem Lieblingsmarabout Souley kommen...

Er sollte somit also während des Kampfes für die entsprechende Hilfe "von oben" sorgen. Gemeinsam mit unserem Kämpfer und dem großen Marabout von Diabangkunda zogen wir also, schließlich beim Ziel angekommen, lautstark in die kleine Arena ein. Und laut waren wir wirklich, wie wir da in Tanzschritten und aus voller Kehle singend einmal unseren Kreis innerhalb der Arena zogen und allen unseren Kämpfer am Kopf der tanzenden Menschenschlange präsentierten. Ein wenig unwohl war mir dabei schon zumute, ich bin auch etwas komisch angeschaut worden (was durchaus nicht nur an meiner weißen Haut, sondern auch  an meinen sicherlich nicht immer richtigen Tanzschritten gelegen haben mag). Wie auch immer, eigentlich war es ein großer Spaß und die Bühne gehörte an diesem Tag sowieso ganz und gar allein Souley. Er ist wirklich ein talentierter Komödiant, der sich die meiste Zeit selber nicht ganz ernst nimmt. Wie er da mit seinem "Zepter" in der Hand vor sich hin und her wedelnd die Arena abschritt- das war schon eine wahrhaft große Show die er da abzog. Auch der Vater, der Imam von Kafountine, der in religiösen Dingen immer sehr bedacht ist musste sehr viel lachen (okay mein Gastvater ist sowieso immer ein fröhlicher Mensch). Souley hat für den Kämpfer dann noch einmal gebetet (voller Inbrunst versteht sich) und dann hätte es eigentlich auch schon losgehen können. Eigentlich- denn der gegnerische Kämpfer ist dann doch tatsächlich nicht einmal aufgetaucht. Wahrscheinlich ist der Ruf des  großen Marabouts dem Kampf vorausgeeilt und der Gegner hat es mit der Angst zu tun bekommen- wir hatten auf jeden Fall trotzdem unseren Spaß und haben dafür fleißig die anderen Kämpfer angefeuert.

In den Ferien habe ich mich außerdem noch ein wenig daran gemacht mit dem Fahrrad die nähere Umgebung zu erkunden. So war ich mit Dounan in Kassel, ein sehr kleines Dorf (10 Häuser), das ziemlich abgeschnitten liegt. Die Natur dort ist dafür um so schöner. Von Kassel aus kann man übrigens auf von Mangrovenwäldern gesäumten Wasserstraßen entlang bis zu den Inseln der "Karone" gelangen. Die meisten Einwohner Kafountines kommen ursprünglich von diesen Inseln, so auch meine Familie. Das Leben dort ist jedoch ziemlich hart: Keine Infrastruktur, wenn man weg will muss man die Piroge nehmen und die Erde dort ist auch sehr unfruchtbar. Nach Dounans  Beschreibungen kann man dort nur Marihuana anpflanzen. Was die Menschen dort nach seiner Auskunft auch in großen Mengen machen- irgendwie müssen sie ja ihren Lebensunterhalt verdienen. Und mit den paar Touristen allein, die hin und wieder die Inseln besuchen, geht das eben leider nicht. Der senegalesische Staat geht eigentlich gegen den verbotenen Marihuanaanbau vor. Dounan meinte jedoch, dass die Inselbewohner einen Bann gegen Eindringlinge, die "Böses im Sinn haben" um die Inseln gelegt haben und seitdem trauen sich die Polizisten nicht einmal mehr in die Nähe der Inseln. Das harte Leben auf den Inseln bleibt jedoch- auch einige Schüler von mir kommen von den Inseln (wie zum Beispiel Hillol, Saloulou, Mantate oder Kouba). Diese Schüler sind in der Regel immer die Ärmsten, manche können bei Verwandten in Kafountine unterkommen aber die, die kein Glück haben müssen zweimal pro Schultag sehr viel Wegstrecke hinter sich bringen. Zuerst die Piroge und dann die ewig lange rote Sandstraße (die ich so typisch für Westafrika finde) von Kassel nach Kafountine und von dort aus ist es auch noch ein schönes Stück bis zur CEM- und die Schule beginnt auch für diese Schüler pünktlich um 8 Uhr, wer zu spät kommt dem muss erst die Erlaubnis zum Betreten des Klassenzimmers durch den zuständigen "surveillant" erteilt werden.

Aber bezüglich der Schule gibt es auch Erfreuliches zu berichten: Dank der Spende einer Holländerin gibt es 13 nagelneue Flachbildschirme im Computersaal und gleichzeitig wurden die ganzen alten Rechner wieder fit gemacht. Jetzt haben alle Computer auch eine neue Version von Microsoft Word und Open Office- da lässt es sich für mich auch während der Informatikstunden viel leichter mit den Schülern arbeiten. Mittlerweile habe ich die kompletten Informatikstunden am Mittwoch übernommen- dadurch kann ich leider nicht mehr den Deutschstunden mittwochs beiwohnen. Aber ansonsten hätten die Schüler an diesem Tag keinen Unterricht mehr gehabt. Um die angehängten Fotos zu sehen einfach auf "mehr lesen" klicken- bis zum nächsten Mal!

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Mi

03

Feb

2010

Weihnachten unter Palmen- meine Wahrheit hinter dem Klischee

Schneebedeckte Strassen und Daecher, heisser Gluehwein, Tannenbaeume, Plaetzchen, rote Nasen, Eiszapfen, Brataepfel, nervtoetendes "last christmas" im Radio, Schneemann im Garten, Zimtduft... all' das kommt mir so in den Sinn wenn ich an Weihnachten im Bayerischen Wald denke.

Hier ist das Weihnachtsfest natuerlich komplett anders abgelaufen- wenn auch nicht unbedingt weniger schoen. Den 24. Dezember habe ich bei einer christlichen Freundin von mir, Germaine, verbracht. Zusammen haben wir gekocht und sind mit ihrer Familie nach dem Essen noch ein wenig draussen in der Kaelte (mittlerweile kann es abends etwas kalt werden) gemuetlich zusammen gesessen.

Spaeter besuchten wir die Messe um Mitternacht, die wie in Deutschland uebrigens ausserordentlich gut besucht war. Der Chor hat wieder wunderschoen gesungen und beim letzten Gebet haben sich alle an den Haenden gefasst und gemeinsam gesprochen. An Weihnachten haben mir natuerlich meine Freunde und meine Familie schon gefehlt, es war wirklich das erste Weihnachten seit 19 Jahren, das ich nicht zuhause verbracht habe. In der Kirche hab ich sogar mit einem Seufzer wehmuetig an das Gequietsche der Kirchgaenger bei "stille nacht" in der Eschlkamer Marktkirche gedacht. Nichts gegen die Gesangsqualitaeten der Eschlkamer aber das ist jedes Jahr mein persoenlicher Hoehepunkt des Weihnachtsfestes. Ganz ohne Ironie.

Apropos "stille Nacht, heilige Nacht"- damit ist es in Kafountine an Weihnachten sehr weit her. Am 24. und an dem darauffolgenden Tag wird vereint, Muslime und Christen, die Nacht zum Tag gemacht und bis zum Aufruf des Muezzins zum Morgengebet durchgetanzt. Weihnachten also mal wirklich anders. Waehrend mir Familie und Freundeskreis (vor allem natuerlich das jaehrliche Plaetzchenbacken bei Susi :-)) gefehlt haben, gab es wiederum andere Dinge, die ich so ueberhaupt nicht vermisst habe, dass ich es zunaechst gar nicht wahrgenommen habe. Dazu gehoert natuerlich dieses ganze Theater, das bei uns an Weihnachten veranstaltet wird. Angefangen von der oberflaechlichen Geschenke-Mentalitaet, ueber Weihnachtsmaenner in der Geschaeftsauslage ab Ende Oktober, weihnachtliches Gedudel im Radio und das auch noch ohne Pause, kitschige Fernsehfilme, bis hinzu der omnipraesenten Werbung fuer allen Unsinn der uns als wahnsinnig tolles Geschenk verkauft wird. Was nicht heissen soll, dass es das im Senegal nicht auch gibt. Im Fernsehen herrschen absolut europaeische Verhaeltnisse- da wird hier vor Weihnachten auch bei jedem zweiten Spot das supertolle Rennauto fuer die kleinen Jungs angepriesen. Auf einem Privatsender hatten sie sogar im Studio einen Christbaum (mit vielen grossen Geschenken unter dem Baum) stehen, was dann, wenn du gerade schweissgebadet von einem Besuch im heruntergekommenen Krankenhaus Kafountines (eine Bekannte hatte entbunden) zurueckkommst schon etwas bizarr wirkt. In der Realitaet des Dorflebens von Kafountine ging hingegen dankbarerweise alles seinen gewohnten Gang. Weihnachten fernab von zuhause ist also schon mal ganz reizvoll, aber vermissen wird man trotzdem etwas- zumindest ging es mir so. 

In den Weihnachtsferien startete dann auch das Festival von Abéné. Fatou und ich blieben fuer die Tage des Festivals bei ihrer Freundin Ado in Abéné (okay, ich nur die Haelfte der Zeit). Das Festival an sich ist eigentlich recht schoen, die Musiker haben wirklich toll gespielt, es gab auch ein Theater und auch ein paar meiner Schueler an der CEM hatten einen Auftritt als Taenzer oder Musiker, was mich natuerlich gleich doppelt gefreut hat. An der Qualitaet des Dargebotenen lag es also nicht, dass ich etwas frueher nach Hause fuhr. Vielmehr war das ganze sehr touristisch aufgemacht, sprich die Musiker waren auf der Buehne und die Besucher (zumeist auch nur Touristen, sehr wenige Einheimische) sassen auf Stuehlen- da kam einfach keine richtige Stimmung auf. Da lob ich mir doch Kafountine's Kumpo, da ist wirklich was los.

Ausserdem war meine Gastgeberin Ado, von meiner Vorgaengerin Anne liebevoll "la folle" genannt (und das kommt wirklich nicht von ungefaehr) nicht immer einfach und dann hatten Fatou und ich auch noch so unsere ein oder anderen Magen-und Darmprobleme mit dem Brunnenwasser Abénés. Da war ich nach drei Tagen Festival wieder froh als ich in meinem geliebten Kafountine war.

Einmal bin ich dann waehrend der Ferien noch nach Abéné zurueckgekehrt: Silvester habe ich dort zusammen mit Fatou, ihrer Schwester Koumba und meinem Bruder Modou verbracht. Es gab ein grosses Feuer am Strand und Modou hat mir anschliessend etwas das Tanzen zu Mbalax beigebracht- wobei mein Rumgezappele wiederum Fatou sehr amuesisert hat. Naja, ich hatte beim Tanzen auch meinen Spass- ausserdem wars mal wieder ganz lustig mit Modou zu tanzen und zu quatschen, wo er die meiste Zeit in Diouloulou an der Schule ist. Das neue Jahr hat also gut begonnen und bis jetzt ist es auch noch nicht schlechter geworden.

Ausserdem gabs im Haus wieder Zuwachs: Seit Ende Dezember wohnt Koumbas Tochter, Bébé F, bei uns- und Fatou und ich fungieren als Ersatz-Muetter im Doppelpack (so bezeichnet es zumindest immer Dounan). Bébé ist eine ziemlich freche Goere aber fuer ihr Alter auch sehr aufgeweckt und intelligent- sie mischt das ganze Haus zusammen mit Cham und Aisha auf jeden Fall ganz schoen auf. Die meiste Zeit tanzt sie Fatou und mir auf der Nase herum aber ich hab sie auch schon total lieb gewonnen- wenn sie mit ihren 4 Jahren und mit ihrem (verglichen zu Aisha) stolzem Gewicht fuer meine Wirbelsaeule auch etwas zu oft herumgetragen werden will.

Und meiner Wirbelsaeule werde ich jetzt auch eine Sitzpause goennen, mein Fahrrad satteln und zurueck nach Hause fahren. Ich habe uebrigens der Galerie ein paar neue Bilder hinzugefuegt. Also... ich hoffe, dass ihr alle eine schoene Zeit verbracht habt, nicht zu viel Plaetzchen verdrueckt habt und das neue Jahr gut angefangen hat. Macht's gut!

 

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Mi

16

Dez

2009

Viel Handarbeit: Irgendwo im Nirgendwo

"Heute wirst du die Arbeit der senegalesischen Bauern kennenlernen". Mit diesem Satz begruesste mich mein Bruder Dounan am vergangenen Sonntagmorgen. Anstatt dem ueblichen "Aletia?" (Karone: Bist du wach?) also eine Ankuendigung, die (wenn man gerade erst aufgestanden ist und kaum die Augen offen halten kann) alles andere als vielversprechend klingt. Eine halbe Stunde spaeter befand ich mich dann auch schon auf meinem Fahrrad, hinter mir Sadjo und Modou, vor mir Dounan und die sich vor uns ausbreitende Buschlandschaft im Hinterland von Kafountine. Gemeinsames Ziel: La riziere. "Ueber Stock und Stein", Sand, Wurzeln, Laub, Sand und immer wieder diesem ermuedenden Sand ging es auf fuer mich absolut undurchsichtigen und verschlungenen Pfaden in Richtung Reisfelder meiner senegalesischen Familie. Auf unserem Weg dorthin liesen wir andere Reisfelder links und rechts von uns zurueck, vorbei an Palmen, Bueschen und sicherlich auch einigen im Unterholz versteckten Schlangen. Erschoepft (und das bereits vor der eigentlichen Arbeit), schweissgebadet und schmutzig erreichten wir Vier nach langer Zeit endlich das Reisfeld von Fatous Tante. Irgendwo im Nirgendwo. Eine kleine Orangen- Pause spaeter (hab ich eigentlich schon erwaehnt wie lecker die Orangen Kafountines, frisch vom Baum, schmecken?) trudelte dann auch der Rest der Jungs ein. Die Orangen isst man hier uebrigens nicht, sondern sie werden (um nur in den Genuss des leckeren Safts und nicht des bitteren Fruchtfleischs zu kommen) auf gut bayerisch "ausgezuzelt".

In den vergangenen Wochen hatten die Jungs schon einiges an Vorarbeit geleistet und so lagen die bereits abgeschnittenen Pflanzenhalme seit einiger Zeit schon zum Trocknen in der Sonne.

An diesem Tag sollten nun die Reiskoerner von den Halmen getrennt werden, um den Reis anschliessend in Saecken verpackt nach Kafountine zu transportieren. Dazu suchten wir uns zu aller erst lange Holzstecken im Wald. Dann breiteten die Jungs die Pflanzenhalme auf grossen Plastikplanen aus- anschliessend heisst es mit so viel Kraft wie moeglich auf den Reis einzudreschen. Dadurch fallen die Reiskoerner von den Halmen ab und man kann die Pflanzenhalme spaeter abtragen waehrend der Reis unten auf der Plane liegen bleibt. Die Reiskoerner (noch in der Schale) werden dann aufgesammelt, von den Frauen durchgesiebt und in die Saecke verpackt. In Kafountine wird der Reis dann noch einmal getrocknet und letztendlich bei einem Bekannten der Familie maschinell der Schale entnommen. Sprich, es ist ganz schoen viel Arbeit um an die kleinen Reiskoerner zu kommen. Wobei die Arbeit natuerlich schon Monate zuvor begonnen hat: In der Regenzeit muss der Reis natuerlich erst einmal im kniehohen Wasser auf den Feldern ausgesetzt werden.

Zusammen mit meinen Bruedern hat das "Dreschen" eigentlich echt Spass gemacht: Ansu hat den ganzen Tag lang gesungen und wir mussten viel lachen (die meiste Zeit ueber mich weil ich mich, fuerchte ich, doch ein wenig bloed bei der Maennerarbeit angestellt habe). Ich bin deswegen nur so eine Stunde bei den Jungs geblieben (die Arbeit ist wirklich anstrengend, ich hatte am naechsten Tag ganz schoen Muskelkater) und habe stattdessen mit den Frauen gekocht (Kaldou- sehr lecker) und den Reis durchgesiebt- da haben meine Oberarme schon weniger protestiert. Gegessen wurde dann im Schatten von Palmen, Mahagoni und Teak- nur kurz unterbrochen durch eine Schlange, die sich nicht weit von uns ihren Weg durch das Gebuesch bahnte. Die Jungs haben ihr dann nachgestellt, sind ihr zum Glueck aber nicht mehr ueber den Weg gelaufen. Nach dem Essen wurde noch einige Zeit weitergearbeitet bevor wir uns am spaeten Nachmittag auf den Rueckweg machten. Wann nur hatte ich mich das letzte Mal so sehr auf eine kalte Dusche gefreut? Mir hat dieser Tag auf jeden Fall Spass gemacht (trotz Sonnenbrand und Muskelkater) und am morgigen Sonntag geht's noch einmal zusammen mit der Familie auf in Richtung "brousse".- Inch'allah!

 

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Mi

16

Dez

2009

Den Schafen zu Leibe ruecken: Tabaski

Vor fast zwei Wochen war es endlich soweit: Das wichtigste Fest des Jahres fuer die senegalesischen Muslime stand vor der Tuer. Seit Wochen hatten sich die Menschen in Kafountine auf Tabaski, oder auch “la fête du mouton”, vorbereitet. Und hier wird im Vorfeld von Tabaski wirklich sehr viel Aufwand betrieben: Tage vorher konnte man die Schafe (meist auf der Ladeflaeche eines Pickup-Trucks oder auf dem Dach eines Buschtaxis) in Kafountine eintrudeln sehen. Jeder der es sich leisten kann laesst sich neue Kleider schneidern, die Frauen lassen sich die kunstvollsten Frisuren flechten und es geht zu… ja, wie bei uns vor Weihnachten.

Es wird geputzt, der Garten wird umgeraeumt, selbst widerspenstigen kleinen Jungen (wie zum Beispiel dem kleinen Cham) wird eine Glatze verpasst und wer noch nicht gemerkt hat, dass bald Tabaski ist weiss es spaetestens dann wenn die Maenner beginnen die Messer zu wetzen. Zwei Tage vor dem eigentlichen Fest gab es dann auch fuer alle Schulferien, weil natuerlich alle das Fest bei ihrer Famile verbringen wollen.

Dieses Jahr gab es in meiner Familie gleich vier Schafe zum Schlachten (in der Regel kauft jeder Familienvater ein Schaf)- also reichlich Fleisch fuer mehrere Tage. Dieses Fest wird uebrigens im Gedenken an Abraham begangen, der seinen Sohn Gott opfern wollte- kann ja Jeder im Alten Testament nachlesen. Am Morgen des Tabaski- Fests machen sich zuerst alle in ihren Festtagsgewaendern zur Moschee auf. Nach dem Gebet geht es, begleitet von arabischen Gesaengen die von der Moschee zum Hof der Familie Diabang hinueberhallen, den Schafen an den Kragen. Mit einem kleinen Schnitt an der Kehle laesst man die Schafe nicht lange leiden (sie gaben auch keinen Laut von sich, meine Brueder haben sie mit einem speziellen Griff festgehalten, die Schafe wirkten dann wie betaeubt). Danach wurden die toten “moutons” an den Baeumen aufgehaengt und dann begann die eigentliche Arbeit: Haeuten, Ausnehmen und Zerteilen- die Einzelheiten erspar ich euch jetzt einfach mal. Kurze Zeit spaeter gabs dann die erste Lage zum Essen: Gegrillte Leber mit Salat und einer Sosse aus Zwiebeln und Senf dazu Brot- haette nie gedacht, dass mir Innereien schmecken wuerden aber das wirklich lecker. Essen ist an Tabaski eigentlich auch die Hauptsache: Was ich an diesem Tag eindeutig am heufigsten gehoert habe ist die Aufforderung zum Essen. Mange, mange! Und alle haben dann tatsaechlich auch bis in den spaeten Nachmittag vier-  oder fuenfmal gegessen. Die Muslime essen an diesem Tag uebrigens nicht allein: Es ist selbstverstaendlich, dass man befreundete Christen und Nachbarn zum Schaffleisch- Essen einlaedt. Die Kinder sind an diesem Tag auch reichlich beschaeftigt: Es ist ihre Aufgabe, eine grosse Portion jeder Mahlzeit zu Verwandten und Bekannten, die in ganz Kafountine verteilt sind, zu bringen. Das staendige Essen wurde uebrigens nur unterbrochen um mal schnell ein wenig Tee (ataya!) zu trinken und dem Bauch eine kleine Pause zu goennen. Gegen Abend ist dann ganz Kafountine in Bewegung gekommen- jeder hat sich noch einmal in Schale geworfen und machte sich dorfeinwaerts um sich, herausgeputzt wie man war, ein wenig zu praesentieren. Fatou und ich haben uns das natuerlich nicht entgehen lassen. Die Nacht habe ich gemeinsam mit meinen Bruedern (leider ohne Fatou, sie war zu muede) im Farafina durchgetanzt. Der zweite Tag von Tabaski lief im Wesentlichen auch so ab- mit dem Unterschied, dass keine Schafe mehr geschlachtet werden mussten (es war noch ausreichend Fleisch uebrig). Neben dem Essen ist das Entschuldigen ein wichtiger Bestandteil vom Fest: “Barl ma akk!” konnte man in dieser Zeit immer jemanden sagen hoeren. Das Tabaski- Fest wird einfach zum Anlass genommen, um ganz allgemein um Verzeihung zu beten- dafuer muss es keinen speziellen Anlass geben. Ich hab mich dann auch einfach mal bei so ziemlich jedem entschuldigt, der mir in diesen Tagen ueber den Weg gelaufen ist- in diesem Sinne: Tut mir leid Leute, aber ich mach mich jetzt wieder auf in Richtung Diabangkunda!  

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Di

15

Dez

2009

Alltag an der Schule

In den letzten Wochen habe ich mit Neugikeiten aus Kafountine etwas auf mich warten lassen- An dieser Stelle also erstmal: Entschuldigung! Zum Einen wurde diese lange Zeit ohne Blogeintraege  durch einen unfreiwillig sehr langen Aufenthalt im Bett (warum bekomme ich bei sommerlichen Temperaturen eine schlimme Erkaeltung?) verschuldet, des Weiteren funktioniert das Internet hier nicht immer so wie es die Cafebesitzer und die Besucher wollen. Aber gesund wie ich jetzt bin (uebrigens auch dank einer traditionellen afrikanischen Teemischung, die zwar wirklich abscheulich schmeckt aber sehr geholfen hat) versuche ich jetzt mal euch auf den aktuellsten Stand zu bringen.

In der Schule habe ich mich mittlerweile soweit eingearbeitet, dass ich euch an einigen Eindruecken teilhaben lassen kann. Also, kurz nach Beginn des Schuljahres haben sich alle Lehrer getroffen, um darueber zu diskutieren was man dieses Jahr besser machen kann. Letztes Jahr gab es neben dem chronischen Geldmangel vor allem ein Hauptproblem an der CEM von Kafountine: Sehr viele Schueler haben nicht den Durchschnitt erreicht und mussten das Jahr wiederholen. Das mag viele individuelle Hintergruende haben, die sich mit den Grunden fuer schlechte Schulnoten in Deutschland decken. Genannt seien an dieser Stelle vor allem fehlende Unterstuetzung seitens der Eltern, keine Motivation seitens der Schueler, kein Lernwille und und und… soweit also nicht anders wie bei uns. Ein viel groesseres Problem ist meistens jedoch die Unterrichtssprache: Franzoesisch. Der Grossteil der Schueler lernt diese europaeische Sprache erst in der Schule- klar, das Lehrer und Schueler manchmal aneinander vorbeireden. Einige Lehrer sind auch selbstkritisch geworden: Studiumbedingt ist ihr Franzoesisch natuerlich viel besser als das der Schueler, vor allem wenn es um fachspezifisches Vokabular geht. An diesem Tag ging es auch um Probleme wie das Tragen der Schuluniform, Sauberhalten der Klassenzimmer (die Schueler fegen hier selber das Klassenzimmer) und Sanktionen fuer zuspaetkommende Schueler. Aber ich werde jetzt meine Schilderungen ueber dieses Treffen mit der Hoffnung zu Ende kommen lassen, dass es dieses Jahr alle Schueler in die naechsthoehere Klasse schaffen. – Inchallah! (So Gott es will) Eine naechste Beratung unter den Lehrkraeften ist auch schon in Planung.

Die Schueler haben hier uebrigens einiges mehr an Arbeit als ihre deutschen Kameraden: Die Maedchen fegen das Klassenzimmer sauber, die Jungs holen Wasser vom Brunnen im Schulhof, Trinkwasser wird von der weit entfernten Leitung geholt, Schulhof sauber fegen, Muell wegraeumen und den Lehrern was zu essen und zu trinken holen (in der Pause verkaufen Frauen aus dem Dorf Obst, Safteis, belegte Baguettes und Erdnuesse im Schulhof) und der Klassensprecher verwaltet den Schluessel fuer den Klassenraum. Und bei uns wird sich in der Regel schon ueber das Tafelwischen beschwert…

Aber jetzt moechte ich noch einmal auf die Geldnot an der CEM zu sprechen kommen. Von dem Platzmangel habe ich bereits erzaehlt aber es gibt auch viele andere Defizite, die einem erst mit der Zeit bewusst werden. Wie soll ein Chemielehrer seinen Schuelern Oxidation und Reduktion ohne chemische Substanzen und sonstige Hilfsmittel erklaeren, wie ein Geographielehrer Topographie ohne Kartenmaterial? Es gibt hier auch nur in den wenigsten Faechern Schulbuecher (und dann auch nicht fuer alle Schuler)- in Deutsch zum Beispiel muessen alle Texte getippt und kopiert (in Ziguinchor! ) werden. An dieser Stelle aber ein Beispiel zur bewundernswerten Eigeninitiative der meisten Schueler hier. Der CEM fehlt vor allem ein Kopiergeraet, was haben einige  Schueler also gemacht? Eine Reihe von Discoabenden in Kafountine veranstaltet und somit genug Geld zusammengespart um in Dakar ein Kopiergeraet zu kaufen. Jetzt muss der Kopierer nur noch Kafountine transportiert werden- auf der einen Seite ist das traurig, dass das die Schueler regeln muessen auf der anderen Seite natuerlich sehr toll und lobenswert. Die Finanznot trifft hier aber auch die Lehrer: Letzte Woche haben einige Lehrer gestreikt, weil sie ihr Geld von den Behoerden nicht bekommen haben. Das Geld ist bis jetzt zwar noch nicht angekommen aber sie unterrichten wieder- es schadet am Ende schliesslich doch nur den Schuelern.

In Gambia sind die Schulen uebrigens besser gestellt: Mit meinem Bruder Dounan war ich wegen meines Visums (und um die gambischen Sicap- Spieler zu besuchen) in Darsilameh- die liessen es sich natuerlich nehmen uns in ihrem Heimatdorf rumzufuehren. Und die drei Schulen dort sind alle in einem sehr guten Zustand, es gibt immer Strom, fuer alle Schulbuecher, ausreichend Klassenzimmer- das alles wuerd ich mir auch fuer die CEM wuenschen. Seit zwei Wochen helfe ich auch dem Informatiklehrer in einigen Stunden. Es gibt hier ungefaehr ein Dutzend Computer, teilweise aber ueber 60 Schueler pro Klasse. Deswegen wird jede Klasse in kleine Gruppen geteilt: Ich bleibe dann mit den Schuelern bei den Computern und helfe ihnen bei Schwierigkeiten waehrend der Lehrer im Klassenzimmer fuer den Rest Theorieunterricht gibt. Das ist recht praktisch und funktioniert gut, bis jetzt lernen die Schueler auch erst wie man ueberhaupt Programme oeffnet oder mit Microsoft Word umgeht. Die Computer haben alle ihre Macken und sind manchmal fast so alt wie ich, die meisten wurden auch von Urlaubern aus Europa gespendet. Soweit ist das eigentlich auch ganz nett, manche Touristen haben aber den Computerraum der CEM mit einem Sondermuell- Abstellplatz verwechselt und so stapeln sich neben den Schuelern auch viele funktionsunfaehige Rechner. Liebe Leute, lasst euren Muell zu Hause- wenn ihr ihn nicht braucht warum sollten ihn die Senegalesen brauchen? Tut mir leid, ihr seid damit eigentlich nicht gemeint- aber ich kann gut verstehen warum einige Lehrer bei dem Treffen auch ueber ignorante “toubab” geschimpft haben. Soweit eine kleine Einfuehrung in die Komplexitaet der Alltagsprobleme an der CEM- aber ich bin hier in Afrika und solche Aufreger muss man eben mit senegalesischer Gelassenheit hinnehmen und wie die Einheimischen auf Besserung hoffen. Und ich mach mich jetzt ganz gelassen auf den Weg nach Hause und erzaehle euch bald etwas ueber das vergangene Tabaski- Fest! A suba!

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Mi

04

Nov

2009

Alles geht- wenn man nur will!

"Ku begga akara neme kaani" steht auf meinem Wolof- Lernbuch geschrieben. In der Uebersetzung heisst das Sprichwort soviel wie "der, der Bohnenkekse mag haelt auch den scharfen Pfeffer darin aus". Sprich: Man schafft alles- wenn man nur will! Es braucht eben manchmal nur viel Geduld. Und Geduld brauche ich hier nicht nur zum Wolof lernen- Geduld wird auch beim Reisen gefordert. Vor zwei Wochen war ich zusammen mit Malik in Serekunda, Gambia, um ein Fahrrad zu kaufen. Und die Fahrt hin und zurueck entpuppte sich dann doch als etwas... abenteuerlich. Vor Sonnenaufgang ging es von Kafountine aus in einem tiefliegenden Mercedes durch die tropische Wald- und Buschlandschaft in Richtung Norden (an dieser Stelle sei somit hinzugefuegt, dass wir nicht die offizielle Route inklusive Grenzposten benutzten).

Wir hatten die sicheren Strassen noch nicht lange hinter uns gelassen, da hatten wir auch schon einen kaputten Reifen. Also raus aus dem Auto und Reifenwechsel im Halbdunkel. Eine Viertelstunde spaeter wieder rein ins Auto, weiter ging es durch den Wald. Aber so ein alter Mercedes ist eben kein Gelaendewagen und es kam wie es kommen musste: In einem der vielen Wasserloecher blieben wir stecken. Als das Wasser schoen langsam in das Auto kam, dachte ich an die mahnenden Worte Fatous: "Il y a beaucoup d' eau, ce n' est pas sur!" aber wir wollten ja unbedingt den ansonsten faellig gewesenen Zoll sparen. Also: Hose hochkrempeln, Schuhe ausziehen, zum Sprung ansetzen und nicht ganz so galant wie die Ratten das sinkende Schiff verlassen (zur allgemeinen Erheiterung sei angemerkt, dass ich die 2,50 Meter auf die trockene Seite nicht ueberwunden habe ohne mit meiner gesamten unteren Koerperhaelfte ein kleines Schlammbad zu nehmen). Malik hat es dann irgendwie geschafft 5 Maenner aus dem naechstgelegenen Dorf zusammenzutrommeln um gemeinsam den Mercedes vorm Tod durch Ertrinken zu retten. Weiter ging es zu Fuss durch den Wald, (fragt mich nicht wie wir es geschafft haben uns nicht zu verirren) eine dreiviertel Stunde spaeter hiess es noch einmal: Hose hochkrempeln, durchs knietiefe Wasser waten und hoffen, dass im Wasser nichts ist was dort nicht sein sollte. Etwas spaeter setzten wir mit einer Piroge nach Gambia ueber. Dann ging es wieder zu Fuss weiter: Gefuehlte Stunden folgten wir einer menschenleeren aber vorbildlich geteerten Strasse (keine Loecher, keine Risse, keine quadratmetergrossen Wasserlachen- warum sind wir nicht auf einer solchen Strasse nach Gambia eingereist?) in Richtung "garage"- Busbahnhof. Zwei folgepackte Busse spaeter endlich: Serekunda. Die Vororte von Serekunda wirkten auf mich sehr bizarr: Man faehrt vorbei an unzaehligen aermlichen Unterstaenden an denen die Menschen Fisch vom nicht weit entfernten Meer verkaufen, an der naechsten Ecke reiht sich eine Villa an die naechste, alle mit Garten, Meerblick und einem teuren Auto vor der Tuer. Warum das so ist? Wenn man die politische Situation Gambias kennt, kann man sich das selbst zusammenreimen und wenn man die Menschenrechtslage in diesem kleinen Land bedenkt (zu klein um darueber in den deutschen Medien zu berichten?) dann wird man auch richtig wuetend.

Serekunda (uebrigens ist Serekunda und nicht die Hauptstadt Banjul die groesste Stadt Gambias) selbst ist eine Aneinanderreihung von Geschaeften- ueberall ist es laut, staubig und es herrscht an allen Staenden geschaeftiges Treiben. Wenn man sich in einer westafrikanischen Stadt nicht auskennt ist das kein Problem: Es dauert nicht lange und es hat sich jemand gefunden (in der Regel ohne dass man gesucht hat), der einem von Stand zu Stand begleitet, mitschimpft wenn die Waren zu teuer sind, das Taxi herbeiwinkt, einem Bananen kauft und der alle ausprobierten Fahrraeder noch einmal persoenlich auf deren Qualitaet ueberprueft.- Fuer eine kleine Gegenleistung versteht sich aber ohne unseren kleinen gambischen Helfer waere die Einkaufstour auch nur halb so lustig gewesen.

Fatou war in Serekunda leider nicht dabei- aber wenn, waere sie bezueglich einer Sache sicherlich begeistert gewesen: Zum grossen Freitagsgebet war die ganze Innenstadt Serekundas gesperrt und auf den zuvor so lebhaften Strassen reihte sich ein in im Gebet versunkener Muslim an den naechsten- das reinste Teppichmeer. Uns wurde somit die Gelegenheit zur Rast gegeben und im Schatten eines Baobab konnten wir nach dem Gebet die faszinierende Zurueckverwandelung Serekundas in die pulsierende Stadt bewundern. Ein Fahrrad habe ich an diesem Tag uebrigens auch gekauft- fuer was ich das brauche? Um jeden Tag in die Schule zu radeln, aber davon spaeter mehr.

Am Tag darauf hat die Fussballmannschaft meines Viertels Sicap leider absolut ungerechtfertigt im Halbfinale verloren (der Torwart bekam nach wenigen Minuten Spielzeit eine rote Karte wegen angeblicher Beleidigung des Schiedsrichters) und das sage ich jetzt nicht nur aus Solidaritaetsgruenden. Als kleines Trostpflaster habe ich am Abend fuer die ganze Mannschaft Semmelknoedel mit Gulaschsosse gekocht (auf ausdruecklichen Wunsch der gambischen Spieler) und mit dem Appetit wurden hoffentlich auch die Gedanken an das verlorene Spiel verdraengt.

Gewonnen hat uebrigens Har yalla und das ganze Viertel ist nach dem Finale singend und tanzend die Hauptstrasse Kafountines entlang bis zum Strand gezogen. Ich war gerade bei Fatou im Geschaeft als mich einige bekannte Spieler Har yallas gesehen haben und ich was ziemlich Dummes gemacht habe: Erzaehlt das bitte nicht meinen Bruedern, die waeren beleidigt, aber ich habe den Pokal gekuesst (was will man machen wenn man von der ganzen Fussballmannschaft umringt ist, angefeuert wird und eigentlich nichts anderes moechte als Fatou weiter beim Bissap-Saft Kochen zu helfen?). Ja ich weiss, Schande ueber mich (...)

Seit mittlerweile zwei Wochen radle ich jeden Morgen um halb 8 die 3 km zur Schule: Die CEM von Kafountine besteht aus mehreren Gebaeuden die auf einem grossen Gelaende zwischen Kafountine und Abene verteilt sind. Die Lehrer sind alle wirklich nett und von Montag bis Samstag bin ich bis um halb 3 nachmittags in den Englisch- und Deutschstunden. Naechste Woche faehrt ein Englischlehrer fuer eine Woche nach Dakar und ich werde einen Teil seiner Stunden uebernehmen. Fuer das Jubilaeum des Mauerfalls bereiten der Deutschlehrer und ich auch gerade was mit den Schuelern vor- aber mehr wird erst das naechste Mal verraten!

Meine Brueder gehen jetzt endlich auch fleissig zur Schule- Modou ist jedoch leider in Diloulou in der Schule- bald werde ich ihn gemeinsam mit Dounan besuchen und schauen was er so treibt. Bis dahin muss ich jedoch noch ein wenig trainieren um ihn vielleicht doch noch irgendwann im Armdruecken zu besiegen... Alles geht- wenn man nur will!

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Di

13

Okt

2009

Schon gewusst: Der Senegal ist nicht Deutschland

Der Senegal ist nicht Deutschland- zugegeben, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen braucht man nicht erst ueber einen Monat in Westafrika verbringen. Aber heute Morgen ist mir das mal wieder in aller Deutlichkeit klar geworden: Zusammen mit Francois war ich zum mittlerweile dritten Mal in der Schule und damit waere auch schon fast alles erzaehlt. Unterricht gabs naehmlich keinen. Der offizielle Schulstart war zwar von der senegalesischen Regierung fuer Anfang Oktober festgesetzt, aber noch sind nicht alle Lehrer aus den Ferien zurueckgekehrt und auch die Schueler tauchen nur auf um sich fuer das neue Schuljahr einzuschreiben und die Schulgebuehren zu bezahlen. Deswegen habe ich mich bisher auch nur beim Direktor vorgestellt und mit den bereits angekommen Lehrern ueber den Unterricht gesprochen. Die Lehrer sind uebrigens alle ganz nett- zumindest diejenigen die ich bisher kennengelernt habe- und bis die Schule einmal angefangen hat kann ich mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen freuen.

Ich persoenlich glaube ja (nach Beratung mit meinen Bruedern), dass die Schueler ab kommendem Montag eintrudeln werden. Diesen Sonntag findet das Endspiel der Meisterschaft in Kafountine statt (Sicap, das Viertel in dem ich wohne, kann sich mit etwas Glueck am Donnerstag dafuer qualifizieren) und danach haben die meisten potentiellen Schueler wahrscheinlich nicht mehr nur Fussball sondern auch so etwas wie Mathe, Englisch oder Franzoesisch im Kopf. Bis dahin unterrichte ich Jeden in Englisch und Deutsch, der Lust dazu hat: Die Schueler aus meiner Familie (teilweise seitens der Jungs etwas unfreiwillig- aber was will man machen wenn einem der Vater zuvor eindringlich erklaert hat, dass Bildung wichtiger ist als Fussball?)  oder auch Bekannte.

Letztes Wochenende habe ich mit Fatou in Abene verbracht, ich bei Maliks Familie, Fatou bei Max "dans la brousse". Als wir Sonntagabend wieder in Kafountine angekommen sind und Cham auf uns zugerannt kam, hatte ich so ein richtiges "wieder zuhause"- Gefuehl. Sprich ich fuehl mich bei meiner senegalesischen Familie richtig wohl, ich haette nur nie gedacht, dass das so schnell geht.

Damit werde ich es jetzt auch belassen, das naechste Mal bin ich hoffentlich etwas weniger schreibfaul. O gala gal bu suum! (Karone: Einen schoenen Tag noch!)

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Mo

28

Sep

2009

Alle freuen sich ueber das Ende des Ramadans

Samstag vor einer Woche, es ist ungefaehr Mitternacht: Ich war gerade dabei einzuschlafen, als Fatou ploetzlich hochschreckt und sich ueber die laute "musique disco" nebenan beschwert. Die Musik hatte ich schon beinahe vergessen, aber jetzt war natuerlich an Schlaf nicht mehr zu denken (soweit ein Nachteil, wenn man zusammen in einem Betts schlaeft). Sollte die Musik draussen etwa bedeuten, dass der morgige Sonntag der erste Tag von "la fete", dem lang erwarteten Ende des Ramadans ist? Endlich wieder tanzen, Musik spielen, tagsueber essen und trinken? Wenn es nach meiner Schwester gegangen waere, haetten wahrscheinlich alle noch einen Tag drauf warten muessen (O-Ton Fatou: Ils ne sont pas des bonnes musulmans!). Aber die Menschen im Freien, mit der ausschlaggebenden Mondsichel vor Augen, wussten natuerlich mehr als wir, die versuchten der lauten Musik, dem obligatorischen Froschkonzert und der Hitze durch das Hinuebergeleiten in das Reich der Traeume zu entkommen.

Und die Hobby-DJs von nebenan sollten Recht behalten: Schoen herausgeputzt ging es am naechsten Morgen zu Fatous Verwandter Mansata, bei der wir zusammen mit einem grossen Teil der restlichen Verwandtschaft den ersten Tag von "la fete" verbrachten.

Es gab fuer alle Nudeln mit Rindfleisch, Gemuese und einer sehr leckeren Sosse (unter Potpourri gibts uebrigens erste senegalesische Rezepte), gegessen wurde im Schatten unter einem grossen Baum. Am Nachmittag wurde der von Sumbundu zubereitete Bissap-Saft (sehr suess und fruchtig, erinnert ein wenig an den rosa Kinderkaugummi von Wrigleys- ist aber wesentlich leckerer) ausgeschenkt und das Video von Ibus (ein sehr netter Verwandter meiner Schwester, der mir immer superleckere und frische Maracujas aus einem Garten in der Naehe schenkt) Hochzeit angesehen (vielleicht habe ich ja irgendwann noch das Glueck bei einer afrikanischen Hochzeit dabei sein zu koennen?). Zusammen mit Dounan habe ich dann anschliessend noch eine Touri-Tour (so nannte er es zumindest, ich selbst sehe mich hingegen keinesfalls als Tourist) durch Kafountine gemacht- auf der Suche nach dem schoensten, mir bisher in natura unbekannten Baum: Kapokbaeume, Oelpalmen, Baobab, Bambus und viele weitere Baumriesen, die hier ueberall wachsen.

Den Tag darauf haben Fatou, Kumba und ich gekocht wobei mir vor allem das Schneiden der ueber zwanzig Zwiebeln zufiehl. Und seitdem kann ich mit Sicherheit sagen: Senegalesische Zwiebeln lassen die Augen nicht weniger sondern noch mehr als deutsche Zwiebeln traenen!

Den ganzen Nachmittag lang hingegen konnte ich mich auf den Abend einstimmen: Mit jedem Kind im Haus von Mansata habe ich mindestens einmal zu dem Song "Do me" einer ivorischen Band getanzt- das Lied wird hier ueberall rauf und runter gespielt.

Auf den Strassen Kafountines konnte man Sonntag und Montag das Gleiche beobachten: Viele Menschen, die in ausgelassener Stimmung in ihren Festtagsgewaendern in Richtung Dorf stroemen. Fatou, Kumba und ich haben uns dann ab 23 Uhr, aufgebretzelt wie wir waren, dem dorfeinwaerts fliessenden Menschenstrom angeschlossen und zusammen mit einem grossen Teil der restlichen Familie Diabang im "Farafina" eine "nuit blanche" gefeiert. In dieser Nacht war wirklich ganz Kafountine (und vermutlich auch der Rest Senegals) bis fruehmorgends auf den Beinen- wenngleich auch nicht fuer alle der Ramadan vorbei ist. Wer krankheitsbedingt oder aus anderen Gruenden das Fasten ausgesetzt hat , soll dies in den kommenden Wochen nachholen.

Mit einer "famille elastique" (Zitat Fatou) zu leben, wie die Familie Diabang es ist, hat viele Vorteile: Es ist zum Beispiel immer was los. Zusammen mit Kumba war ich etwa im Nachbardorf Abene um "le bapteme" (hier die Taufe eines muslimischen Kindes, eine Woche nach der Geburt) des Neugeborenen von Fatous Tante beizuwohnen. Die Feier dauerte den ganzen Tag: Es wurde gegessen, gesungen, getanzt und gemuetlich zusammen gesessen. Ausserdem habe ich dann noch gleich ein paar weitere Verwandte kennengelernt (la famille tres elastique?) und Abene noch ein wenig erkundet. Wobei ich hinzufuegen muss, dass ich mich in Kafountine wohler fuehle. In Kafountine ist einfach immer was los, auf der Strasse trifft man auf Frauen mit Wassereimern auf dem Kopf, Jungs auf Eselkarren, Autos, Fahrradfahrer und aus jedem zweiten Haus droehnt die Musik von Youssou n'Dour oder andere tolle Rythmen. Abene dagegegn wirkte auf mich ziemlich verschlafen, die Strassen waren regelrecht leergefegt- vielleicht waren wir auch einfach nur zur falschen Tageszeit (mittags!) unterwegs.

Seit gestern trage ich meine Haare auch wieder offen. Uebrigens sollte man in Afrika niemals ausgefallene Haare achtlos auf den Boden werfen. Fatou hat mir erzaehlt, dass ansonsten Voegel kommen und die Haare zum Nestbauen benutzten. Jedes Mal, wenn die Voegel dann mit ihren Schnaebeln im Nest rumpicken bekommt der ehemalige Haareigentuemer schreckliche Kopfschmerzen. Ich habe daraufhin nur gelacht aber vielleicht mache ich es in Zukunft wie meine Schwester und verschliesse ausgefallene Haare vogelsicher in einem kleinen Beutel (?)- nur um ihr einen Gefallen zu tun. Keine Ahnung, ob das jetzt schon Aberglaube war- Fatou hat selbst geschmunzelt als sie mir davon erzaehlt hat- sie wiederum weiss von den vermeintlichen Kopfschmerzverursachern von ihrer Grossmutter.

Aber mir steht es nicht zu an dieser Stelle abschaetzig ueber solche Vorstellungen zu reden- ich habe die Warnungen mit Humor genommen, genauso wie ich ueber die Geschichte Marie-Louises gelaechelt habe, als sie mich letztes Mal beim Waeschwaschen gesehen hat: Als kleines Kind hat sie immer gedacht, dass "toubab" nie Waesche waschen, sondern alles nach einmaligem Tragen wegschmeissen und sich neue Sachen kaufen. So absurd das auch klingen mag, es gibt sicher unvernuenftige Leute die das machen.

Ich werde jetzt auch ganz irrational wieder hinaus in die Hitze gehen (im Internetcafe gibt es dankenswerterweise einen Ventilator) und auf kuehlere Abendstunden hoffen. - Da' fatanga! (Wolof: Es ist heiss!)  

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Sa

19

Sep

2009

Westafrikanische Weisheiten und warum ich hier so gerne in die Kirche gehe...

Gerade komme ich von meinem allmorgendlichen Besuch bei Fatous Vater, dem Imam von Kafountine, zurueck. Monsieur Diabang ist ein sehr ruhiger und freundlicher Mann. Sein Franzoesisch verstehe ich leider nicht immer, aber heute hat er mir ungefaehr folgende Worte mit auf den Weg gegeben: "Du bist hier frei, niemand kann dir befehlen was du tun sollst, aber nimm dir fuer alles sehr viel Zeit." Wahrscheinlich ist ihm meine diesbezueglich doch sehr europaeische Art aufgefallen. Das Gefuehl, sich staendig beeilen zu muessen, weil man noch dieses oder jenes erledigen wollte, weil man noch jemanden besuchen wollte oder was auch immer noch zu Ende bringen wollte, kann man eben auch nach zwei Wochen Westafrika nicht so einfach ablegen.

Hier ist das so: Die Uhrzeit spielt eine untergeordnete Rolle, sich fuer alle Dinge viel Zeit zu nehmen ist jedoch sehr wichtig.

Apropos Zeit... die letzte Woche ist mal wieder sehr schnell vergangen. Letzten Samstag war ich mit Fatou in Ziguinchor, der suedlichst gelegenen Metropole Senegals. Ziguinchor liegt am Suedufer des Casamance- Flusses, sehr viel oestlicher als Kafountine und laut Einheimischen ist es dort unertraeglich tropisch- heiss.

Wir hatten jedoch Glueck: Samstag war mal wieder ein Regentag. Da Ziguinchor wesentlich billiger ist als Banjul oder Dakar, haben wir uns dort gut mit afrikanischen Stoffen eingedeckt. Bald beginnen eine Reihe von Festlichkeiten, warum sich viele Einheimische gerade jetzt neu einkleiden. Der Schneider, ein Freund von Fatou, hatte dann tatsaechlich auch sehr viel zu tun. Bis zu "la fete", dem Ende des Ramadans, an diesem Sonntag oder Montag (je nach Gestalt des Mondes) , sind die Kleider fertig. Juhu, darauf freue ich mich schon die ganze Zeit und wenn es soweit ist, gibt es auch Fotos.

Mittlerweile kann ich auch auf den ersten Gottesdienstbesuch in Kafountines Kirche zurueckblicken und mich auf viele weitere freuen. Und das ist mein voller Ernst, denn die Messe hier ist ein Erlebnis und unterscheidet sich in vielen Dingen von dem Gottesdienst in Deutschland. Das beginnt schon mal damit, dass in der Regel kein Platz frei bleibt und das Kirchenschiff komplett voll ist. Des Weiteren wird die Predigt vom Pfarrer frei auf Franzoesisch (danke!) gehalten und begleitet wird die Messe ueber eineinhalb Stunden lang vom Chor und zwar mit einer solchen Intensitaet das man als Zuhoerer unweigerlich Gaensehaut bekommt.

Der Gesang wird vom Rythmus der Trommeln umrahmt, gesungen wird in saemtlichen Sprachen Afrikas: Wolof, Diola, Karone, Mandeng, Franzoesisch (...)

Gestern war ich dann auch zusammen mit Marie-Louise bei einer Chorprobe dabei. Hier ein kleiner Textausschnitt aus einem meiner neuen Lieblingslieder:

 

Referain

 

Solo:  Fumu

Chor: Fumu yesu e e lozinga

          Na bundana peta

          tamola a a

 

Strophe

 

Solo:  Fumu yesu krista mansa

Chor: Mansa

Solo:  Mansa yelzingoa

Chor: Baguista

Solo:  Peta tamola

Chor: A A A a a (dabei wird in die Haende geklatscht)

 

Schon allein die Sprache... schoen, oder?

 

Den restlichen Sonntag habe ich mit einem Teil der Familie am Strand verbracht, wobei ich auf dem Heimweg Bebe-F (Kumbas kleine Tochter) gefuehlte 25 km (entspricht ungefaehr der Entfernung bis zur Grenze Gambias) auf dem Ruecken getragen habe. An dieser Stelle also Hut ab vor allen jungen Maedchen, die hier in Kafountine ihre kleinen Geschwister auf dem Ruecken mitrumtragen.

Ausserdem habe ich Moustapha, den ich bereits vom Konzert in Ruesselsheim kannte, wiedergetroffen. Zusammen mit ihm war ich in der "village artisanal", ein kleines, in sich geschlossenes Kuenstlerdorf in Kafountine. Da er selbst dort arbeitet, hat er mich gleich rumgefuehrt, wobei seine Werkstatt wegen dem vielen Regen ebenfalls eingestuerzt ist. Irgendwann muss dem Himmel doch das Wasser ausgehen, oder?

Dank Moustapha weiss ich jetzt auch warum hier so viele Menschen mit einem kleinen Holzstueck im Mund rumlaufen: Das ist so eine senegalesische Mischung zwischen Zahnbuerste und Zahnstocher.

Gestern haben wir uebrigens Maffe gekocht: Zu Gulasch geschnittenes Rindfleisch mit einer Sauce aus Chilischoten, Paprikas und Erdnuessen, dazu gabs Reis. - Bien mange!

Was sonst noch so geschah? Erzaehl ich euch in Bildern, dazu einfach unten auf "mehr lesen" klicken. Und jetzt muss ich mich trotz der besonnen Worte von Fatous Vater beeilen, wenn ich das Fussballspiel nicht verpassen will. Legilegi! (Wolof: Bis bald!)

 

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Fr

11

Sep

2009

So schnell kann eine Woche vergehen...

Kaum zu glauben- mittlerweile bin ich schon seit einer Woche hier in Kafountine. Das uebliche Begruessungsritual auf Karone, Wolof und Franzoesisch kann ich fast im Schlaf hinter mich bringen und auch so mit ein paar Woertern Wolof meiner Gasttante Sumbundu ein Laecheln auf die Lippen zaubern.

Jetzt muss ich aber doch noch einmal auf das Wetter hinweisen... hier regnet es (fast) immer. Deswegen faellt auch staendig der Strom aus, ein Grund warum ich mit meinen Eintraegen etwas auf mich warten lasse. Gestern war ich mit einem Bruder von mir, Modou, am Strand. Auf dem Weg dorthin sind wir an einigen Haeusern vorbeigekommen, die wegen des vielen Regens sogar eingestuerzt sind. Die Familien, die nahe am Strand gebaut haben, trifft das natuerlich sehr hart. Sie koennen in der Regel bei Verwandten im Dorf unterkommen, hat mir Modou erklaert, aber sein Haus zu verlieren ist sicherlich unvorstellbar schlimm fuer jeden den es betrifft.

Mit Fatous Schwester Kumba und Marie-Louise war ich bereits vor einigen Tagen am Strand- zusammen haben wir auch den Fischmarkt besucht. So viele Menschen auf einem Platz sieht man selten- die einen Fischer kommen an, die anderen gehen, Frauen putzen Fische, andere wiederum verhandeln den Preis, ohne Kumba und Marie-Louise waere ich mir sehr verloren vorgekommen. Auf dem Heimweg haben Marie-Louise und ich dann auch Blumen geschenkt bekommen- kaum hatte ich mich dafuer bedankt (Jerejef!) folgte darauf prompt ein Heiratsantrag. Daran muss ich mich wirklich erst gewoehnen- man wird staendig begruesst und jeder will ein Gespraech mit einem beginnen. Viele meinen das auch wirklich ehrlich und sind sehr nett aber einige wenige sind doch etwas aufdringlich. Mittlerweile lehne ich eine Einladung zum Trinken immer mit der Antwort ab, dass ich wie meine Schwester Fatou wegen dem derzeit stattfindenen Ramadan faste. Das wird immer akzeptiert, wenn auch mit etwas Verwunderung. Es ist ja nicht mal eine Luege, waehrend dem Tag esse ich tatsaechlich nichts- auf der einen Seite wegen der Hitze, andererseits kann ich mich dann mehr auf das Abendessen freuen, das hier wirklich sehr sehr lecker ist. Dass ich natuerlich waehrend des Tages was trinke muss mein Gegenueber nicht wissen und das Trinken wuerde auch nur im religioesen Sinne das Fasten brechen, n est-ce pas?

Ueberhaupt scheinen einige Menschen ein sehr genaues Bild von Europaeern wie mir zu haben- so werde ich fuer einen halben Arzt gehalten. Klar, ich habe viele Medikamente etc. mitgebracht aber wer mich kennt weiss, dass ich in Bio fast nie aufgepasst habe. Trotzdem durfte ich schon die Kinder verarzten (Cham hat den ganzen restlichen Tag nicht mehr von seinem Pflaster mit Frosch-Print gelassen), Fatous Tante mit einem kuehlendem Gel den Ruecken massieren und Sumbundus Fuss einbandagieren. Ich mache das zwar gerne, aber die meiste Zeit versuche ich verzweifelt mich an das zu erinnern, was man so ueber die Jahre an medizinischem Wissen mitbekommen hat. Sprich, ich weiss nicht so wirklich was ich da mache aber Sumbundus Fuss geht es zum Glueck wieder gut!

Die Familie Diabang hat mich wirklich sehr gut aufgenommen und ist auch nachsichtig wenn ich noch Fehler mache. Meine Tante Sumbundu hat mich bereits in das Geheimnis sauberer Waesche eingeweiht- viel Seife, noch mehr Wasser und ganz viel reiben- dabei habe ich mich zwar ein bischen bloed angestellt aber das Ergebnis (sauber!) kann sich sehen lassen. Gestern bin ich Fatou wie in den Tagen zuvor auch beim Kochen ein wenig zur Hand gegangen- Gemuese putzen, Gewuerze stampfen, Taschenlampe halten- es ist faszinierend wie einfach das bei ihr immer aussieht und wie lecker dann der fertige Fisch mit Reis schmeckt. Kanineleck! (Wolof, Guten Appetit!)

Dem Regen sei Dank bin ich in den letzten Tagen sehr viel im Haus geblieben, weswegen die Kinder und einige der Jungs mittlerweile schon sehr gut Uno, schwarzer Peter und Neinerln spielen koennen. Vor allem Khadi spielt sehr gerne Uno, weswegen ich ihr das Spiel gleich geschenkt habe. Khadi ist ungefaehr 10 Jahr alt und nur in den Ferien im Haus der Familie Diabang. Fuer ihr Alter arbeitet sie sehr viel, sie hilft beim Haushalt mit und kuemmert sich um die kleineren Kinder wie Aisha und Cham. Hier ist das ganz normal, dass die juengeren Maedchen sehr viel Verantwortung uebernehmen aber ich muss sie dafuer sehr bewundern.

Der Abend ist zurzeit meine Lieblingszeit- es wird gekocht, nach dem letzten Gebet essen wir gemeinsam und danach sitzen wir noch lange vorm Haus, reden und trinken (den sehr suessen aber auch sehr leckeren) senegalesischen Tee.  Das Zimmer und das Bett teile ich mit Fatou, meiner neuen Schwester. Sie gibt mir Ratschlaege wie ich mich schneller in Kafountine zurechtfinden kann und am Abend reden wir noch sehr lange bevor wir zu Bett gehen. Ich bin wirklich dankbar, dass es sie gibt!

Morgen fahre ich mit Fatou nach Ziguinchor- nach Auskunft ihres Onkels erwarten uns dort noch heissere Temperaturen als hier an der Kueste- na dann bin ich sicher wieder froh hier in Kafountine zu sein! Somit bleibt mir nichts anderes uebrig als euch alles Gute zu wuenschen, habt eine schoene Zeit und hier habe ich noch ein paar Fotos fuer euch.

 

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Di

08

Sep

2009

Gut angekommen

Jetzt wird es aber allerhoechste Zeit, dass ich damit beginne Euch von meinem Leben in Kafountine zu erzaehlen. Also alles auf Anfang: Am Donnerstag, den 3. September, landete der Flieger von Brussels Airlines auf dem International Airport in Banjul, Gambia. Kaum war ich aus dem Flugzeug ausgestiegen, empfing mich bereits die tropische Hitze und Schwuele, die mich auch noch die kommenden Sommer- und Herbstwochen begleiten wird.

Wenn man in Banjul aus dem Flieger steigt, dann laeuft das etwa so ab: Man geht zusammen mit vielen Gambiern, Senegalesen und einigen Touristen (in den bezueglich des Klimas fuer Europaer ertraeglicheren Wintermonaten werden es wahrscheinlich mehr sein) von Bord und wird zugleich von den bereits wartenden Putztrupps mit einem freundlichen "Welcome to Gambia!" empfangen. Danach holt man sich von Beamten einen Stempel fuer den Reisepass ab, gibt diesen im Gegenzug einen ausgefuellten Fragebogen des Tourismus-Ministeriums zurueck und dann geht der Spass los.

Ungefaehr 250 Menschen stuermen auf der Suche nach ihren Koffern zum Band und fast genau so viele Gepaecktraeger stuerzen sich wiederum auf die Reisenden. Wer hofft, in diesem Gewusel sofort sein Gepaeck zu finden, der war wahrscheinlich wie ich noch nie zuvor in Westafrika. Die Suche beschleunigen konnte ich sowieso nicht, also habe ich mich mit Kofferband in Sichtweite neben einem Flughafenangestellten postiert. Das Gespraech (in Gambia wird Englisch gesprochen) lief ungefaehr so ab:

 

- Hallo! How are you? Welcome to Gambia!

- Hallo, I am fine. How are you?

- Great! What's your name?

- I'm Verena. Nice to meet you. What's your name?

- (Den Namen habe ich leider vergessen, aber als erster Gespraechspartner auf  afrikanischem Boden wird mir der Beamte auf jeden Fall lange in Erinnerung bleiben)

  Where do you want to go?

- I'll travel to Senegal, my destination is the Casamance.

- Oh Senegal? No, you have to stay here, Gambia is much more nicer. Do you like

  Gambia?

- For sure, I do. But I want to travel to Senegal, I'll stay there with a host family.

- Nono, you have to believe me. Gambia is much more nicer, much more, much much more...

 

So ungefaehr lief der Anfang jedes Gespraechs mit einem von den fast Dutzend Gambiern ab, die ich bisher getroffen habe. - Die Senegalesen wiederum behaupten natuerlich, dass nichts ihr Land uebertreffen koennte. Die Tatsache, dass alle ihr jeweiliges Land so moegen, macht sie irgendwie auch sehr sympathisch.

Mein Gepaeck kam tatsaechlich auch als so ziemlich das letzte auf das Band. Nach meinen vergeblichen Versuchen auf einen Gepaecktraeger zu verzichten (No, I am a strong woman, thank you) habe ich mich dann doch irgendwann ueberreden lassen, was sich am Ende doch auch als vernuenftig herausgestellt hat. Von Fatou und drei anderen Mitgliedern der Familie Diabang bin ich dann vom Flughafen mit DEM Auto abgeholt worden, in dem ich die bisher aufregendste Fahrt meines Lebens erlebt habe- und das leider nicht wegen der vielen neuen Eindruecke, die wahrend der Fahrt auf mich einwirkten.

Wegen meines verspaeteten Gepaecks mussten wir fuerchten die Grenze nicht mehr rechtzeitig passieren zu koennen (die Grenze schliesst um 7 Uhr) weswegen unser Fahrer sehr viel Gas gab (leicht untertrieben).

Zugegeben, das Auto fuhr nicht schneller als 100 km/h aber angesichts der Tatsache, dass Menschen, Fahrradfahrer, andere Autos, Kuehe, Ziegen und Hunde die Stassen passierten hatte ich doch sehr... viel Angst. Dabei darf man auch nicht die vielen Schlagloecher und quadratmetergrosse Wasserlachen vergessen, die unseren Weg saehten- von den riskanten Ueberholmanoewern ganz zu schweigen. Aber dank der ausgezeichnetetn Fahrkuenste unseres Fahrers konnten wir die Grenze gerade noch rechtzeitig hinter uns lassen.

Endlich erreichten wir dann Kafountine, wo ich von meiner Gastfamilie Diabang sehr herzlich begruesst worden bin. - Und jetzt bin ich hier und moechte auch nirgends anders sein. Am naechsten Morgen ging es auf Erkundigungstour durch Kafountine: Zusammen mit meiner Gastschwester Fatou besuchte ich den Markt und ihren Laden an der Hauptsrasse. Spater ging es mit einem Onkel zu einem Fussballspiel (verschiedene Ortsteile Kafountines spielten gegeneinander- der Ortsteil in dem ich wohne hat uebrigens 1:0 gewonnen).

Nach dem Spiel erwartete mich auf den Strassen Kafountines das gleiche Bild, das wohl jedes Bleichgesicht wie mich erwartet: Kinder, die auf einen zustuermen und "Toubab, Toubab!" kreischen. "Ich bin keine Toubab. Siehst du nicht? Ich habe keine weisse, sondern rote Haut" meinte ich daraufhin auf Franzoesisch zu einigen Kindern (in Anspielung auf meinen obligatorischen Sonnenbrand). Von der Mutter erntete ich daraufhin viel Gelaechter und die Kinder verlangten nach "cadeaux, cadeaux" (franzoesisch: Geschenke).

Der staendige Regen macht mir und den Einheimischen auch immer wieder einen Strich durch die Rechnung, warum es oft gilt im Haus zu bleiben oder bei einem Bekannten von Fatou die von den Senegalesen vielgeliebte, suedamerikanische Soap "Marina" anzuschauen. Ab Oktober, wenn auch die Schule beginnt und ich mit meiner Freiwilligenarbeit anfangen kann, soll das zum Glueck anders werden. Bis bald an dieser Stelle.

 

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